Sonntag, 19. Juli 2009

Philosophie der Freiheit 2

Den ersten Teil seines Buches betitelt Steiner mit WISSENSCHAFT DER FREIHEIT. Und sein erstes Kapitel lautet „Das bewusste menschliche Handeln“.
Eingangs betont Steiner, wie sehr sich bezüglich der Freiheitsfrage die Geister scheiden. Für viele seiner Zeitgenossen ist die Freiheit das höchste Gut, für andere die größte Wahnidee. Trotzdem stellt Steiner dann fest, dass es wohl Konsens sei, dass die Freiheit nicht in einer reinen Wahlfreiheit bestehen könne. Denn, so behaupte man, es sei „immer ein ganz bestimmter Grund vorhanden, warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte zur Ausführung bringt.“ (S. 16) Und etwas, das einen Grund, eine Ursache hat, sei eben nicht frei…

…Obwohl man daher den Freiheitsbegriff nicht auf die Wahlfreiheit reduzieren könne, werde merkwürdigerweise von den Freiheitsgegnern immer nur die Wahlfreiheit angegriffen.
Im Prinzip sei der Kerngedanke schon von Spinoza 1674 formuliert worden. Alle anderen Freiheitsgegner würden Spinoza nur variieren: „Ich nenne nämlich die Sache frei, die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird.“ (S. 17) Daher ist – folgt man Spinoza – nur Gott frei. Alles andere, Dinge wie Menschen, seien von äußeren Ursachen bestimmt. Der Mensch unterscheide sich vom Stein nur dadurch, dass er ein Bewusstsein habe, das ihn zu dem Vorurteil befähigt, zu glauben, er hätte dies und das selbst beschlossen. Der Mensch durchschaue eben, die Verursachungen seines Handelns nicht.
Steiner entdeckt in diesem Gedanken einen Irrtum: „Spinoza und alle, die denken wie er, übersehen, dass der Mensch nicht nur ein Bewusstsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird… Ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist.“ (S. 19). Die Frage sei also, ob der Beweggrund meines Handelns, den ich durchschaue, eine andere Qualität habe, als ein undurchschauter und nicht in gleichem Sinne einen Zwang ausübe.

In der Runde am Dienstag wurde die Frage bewegt, ob Spinoza aus seiner Logik heraus, den Menschen, der ein Bewusstsein seiner Gründe besitzt, nicht trotzdem als von außen bestimmt ansehen müsse. Der Stein, der sich bewegt, weil er von außen angestoßen wurde, kann soviel Bewusstsein entwickeln wie er will, über sein Handeln sowie auch über die Beweggründe des Handelns. Die Bewusstseins-Fähigkeit des Menschen ist doch für Spinoza eher eine Vorurteils-Fähigkeit. Der wirkliche Anstoß bleibt daher doch immer außerhalb des Menschen.
Eine weitere Frage, die sich für mich anschließt: Ist es wirklich möglich die Beweggründe des eigenen Handelns VOLLSTÄNDIG bewusst zu machen? Bleibt nicht immer ein Rest Unbewußtheit?
Auffällig ist bis hierhin, dass Steiner seine Ausführungen mit der Freiheitsfrage beginnt, denn er hatte ja in seiner Vorrede die erste Wurzelfrage nach der „Stützfähigkeit“ der menschlichen Erkenntnis zur Voraussetzung für alle anderen erklärt. Daher sollte man meinen, systematisch hätte die Bearbeitung der ersten Frage der Erkenntnisfähigkeit Vorrang vor der Freiheitsfrage. Vielleicht wird sich im Folgenden klären, warum er so vorgeht.
Und noch einmal:
In der Rudolf Steiner Buchhandlung in Hamburg findet jeden Dienstag um 19.30 ein Arbeitskreis zur „Philosophie der Freiheit“ statt, der von Steffen Hartmann eingeleitet und moderiert wird.
Ich möchte hier regelmäßig einige Gedanken dazu wiedergeben. Meine Beiträge sollen jedoch KEIN strukturiertes Protokoll sein. Ich möchte hier Gedanken äußern, die in der Runde ausgesprochen oder auch NICHT ausgesprochen wurden. Es handelt sich also um eine subjektiv-protokollähnliche Gedankensammlung ohne jeden Vollständigkeitsanspruch. Man möge also, die Sätze, in denen ich Rudolf Steiner referiere (und natürlich alle anderen), gern kommentieren und korrigieren!

3 Antworten zu “Philosophie der Freiheit 2” aus dem alten Blog



  1. Rainer H sagte


    “Ist es wirklich möglich die Beweggründe des eigenen Handelns VOLLSTÄNDIG bewusst zu machen…?”
    Liebe Ruth, gute Frage. Die meisten Menschen würden hier wohl eher Nein sagen; wenn man einen spirituellen Schulungsweg geht, anthroposophisch oder eine andere Richtung, hat man natürlich einen gewissen Anspruch an sich selbst die eigene Bewusstheit zu steigern, bzw. diese in die unbewussten Bereiche hineinzutragen.
    Ich halte es allerdings für entscheidend, dass man auch lernt, seiner Unbewusstheit, seinen Instinkten mehr und mehr zu trauen (Wir sprachen neulich darüber, sich auch als Leib, als Körper zu erleben und sich mit diesem so zu verbinden, dass dieser nicht nur als “Anhängsel des Kopfes” gesehen wird, usw.) Wenn dieses der Fall ist, kann es zu einem harmonischen Zusammenwirken zwischen Bewusstheit und Unbewusstheit, zwischen Denken und Instinkt kommen – die “Beweggründe des Handelns” müssen dann auch vielleicht nicht mehr 100% durchschaut werden.
    Ein ewig-leuchtendes Vorbild in dieser Hinsicht ist natürlich Goethe, der ein durch und durch sinnlicher und genußfreudiger Mensch war und der eine solch seltene und einmalige Harmonie zwischen Geist und Natur verkörpert und gelebt hat, dass die ganz großen Denker seiner Zeit, Fichte, Hegel, Schelling, seine Nähe und Freundschaft gesucht haben. Fichte hat diesen Aspekt erkannt und es auf den Punkt gebracht: “An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist deselben Probierstein.” Schön, dass einer wie Goethe am Anfang der Anthroposophie steht und solchen breiten Raum einnimmt.
    Grüße



  2. Ruth Jäger sagte

    Lieber Rainer,
    interessant, dass Du beim Thema Unbewußtheit gleich an Instinkte, also an Leibliches denkst. Meine Frage bezieht sich erstmal eher auf Seelisches. Wieviel Verdrängtes, Undurchschautes tragen wir seelisch auf der Gefühlsebene mit uns herum, das unser Handeln mitbeeiflusst? Ich denke Sympathie und Antipathie sind da nur die Spitze des Eisbergs. Und wieviele sogenannte “Gaubenssätze” auf der Denkebene, die uns unbewußt steuern und von deren Existenz wir nur ganz nebulös wissen?
    Und dann kommt natürlich noch das Leibliche.
    Den Instinkten trauen? Interessantes Thema!
    Grüße



  3. Rainer H sagte

    Liebe Ruth,
    Instinkte sind nur eine leibliche Form des Unbewussten, wobei solche Aussagen natürlich immer äußerst ergänzungsbedürftig sind, denn die Instinkte sind ebenso zur unendlichen kosmischen Weisheit des Körpers zugehörig. Meistens denke ich beim Thema “Unbewusstes” auch eher an das “Verdrängte, Undurchschaute,… Sympathie und Antipathie” (das ist ja auch seit Freud eine fundamentale und nicht mehr wegzudenkende Prämisse unserer Kultur) – interessant ist m.E. vor allem das Zusammenwirken, bzw. das Spannungsverhältnis des leiblichen und seelischen Unbewussten: Das kann etwas sehr gesundes haben, wie bei Goethe (oder z.B. auch bei Sportlern, oder Menschen, die viel in der Natur leben) oder natürlich auch etwas krankhaftes (deswegen gibt es zu Recht in der Medizin den Begriff psychosomatisch). Ein endloses Thema. Grüße

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