Sonntag, 19. Juli 2009

Philosophie der Freiheit 3

Im fünften Abschnitt des Kapitels „Das bewusste menschliche Handeln“ betont Steiner erstmals, dass es ein tief greifender Unterschied sei, ob ich weiß warum ich etwas tue oder nicht. Er fragt, ob ein erkannter Beweggrund denn in gleichem Sinne einen Zwang bedeute, wie beispielsweise der organische Prozess eines Kindes, das nach Milch verlangt.
Noch weiter gesteigert formuliert er, dass man Beweggründe, die man mit Bewusstsein durchdrungen hat, auf sich wirken lassen kann. In dieser Formulierung liegt für mich die Vorstellung, dass ich bewusst und aktiv Motivbildung betreiben kann. Die gebildeten Motive können danach so etwas wie ein Eigenleben bekommen, eine Subjektwerdung durchmachen…

…Sie wirken (aktiv) auf mich zurück. Man denke hier z.B. auch an nächtliche Seelen- und Verarbeitungsprozesse.
Die Freiheitsfrage muss nach Steiner neu gestellt werden. Eine isolierte Bearbeitung der Freiheitsfrage ohne die Möglichkeit, die Erkenntnis von Motiven mit einzubeziehen, sei einseitig. Man hat die Frage bislang sozusagen nur halb gestellt und daher auch noch nie eine voll befriedigende Antwort erarbeitet.
Man habe den Menschen, der aus Erkennen und Handeln bestehe immer nur als allein Handelnden vorausgesetzt und damit in zwei Teile gerissen, was eigentlich eins sei, nämlich der aus Erkenntnis Handelnde.
Unbeantwortet bleibt bis hier jedoch immer noch wie tief greifend der besagte Unterschied nun eigentlich ist und woran man dies festmachen kann. Ist es nicht nur ein gradueller, ein quantitativer Unterschied, ob ich meine Motive erkenne oder nicht? Glaubt nicht auch Spinozas Stein/Mensch durchaus erkenntnisfähig zu sein – und ist aber trotzdem nur von außen angestoßen?
Steiner wendet sich im 12. Abschnitt noch einem zeitgenössischen Denker zu:
Robert Hamerling habe sich mit der Redewendung „Freisein heißt nicht wollen können, was man will, sondern tun können, was man will“ auseinandergesetzt. Er (Hamerling) gesteht eine Wahlfreiheit zu und entlarvt dann die Aussage: „Der Mensch kann nicht wollen, was er will“, als absurd: Was hinter einem Wollen stehe, könne ja nie ein weiteres Wollen sein, sondern immer nur ein Motiv. Ein Wollen ohne Motiv sei ein leeres Vermögen und damit nichts, was in eine Tat münden könnte. Eine Tat käme nur zustande, wenn sich ein Motiv als stärkstes durchsetzt. Soweit Hamerling.
Hier fragt Steiner nun, ob es „nur solche Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit wirken“ (S. 23) Wenn man etwas wollen muss, kann man nicht von Freiheit sprechen.
Also:
„Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefassten Entschluss zur Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluss in mir entsteht.“ (S. 23)
Diesen Satz – der gleichzeitig ein ganzer Absatz ist! – empfanden wir in der Runde als Aufforderung zur Selbstbeobachtung.
Eine Frage, die sich mir aufdrängte, war die nach den Begriffen: Zwang, Herrschaft, Notwendigkeit des Handelns. Gibt es überhaupt absolute Zwänge? Kann nicht sogar beispielsweise der Verzicht auf Nahrungsaufnahme, der zum Tod führt, eine freie Handlung sein? Sind wir vielleicht ununterbrochen damit beschäftigt Unfreiheit aufzubauen, zu konstruieren? (Ich bin grad noch etwas inspiriert von Eckart Tolles Buch: „Jetzt“ – vielleicht daher diese Fragen.)
Und noch einmal:
In der Rudolf Steiner Buchhandlung in Hamburg findet jeden Dienstag um 19.30 ein Arbeitskreis zur „Philosophie der Freiheit“ statt, der von Steffen Hartmann eingeleitet und moderiert wird.
Ich möchte hier regelmäßig einige Gedanken dazu wiedergeben. Meine Beiträge sollen jedoch KEIN strukturiertes Protokoll sein. Ich möchte hier Gedanken äußern, die in der Runde ausgesprochen oder auch NICHT ausgesprochen wurden. Es handelt sich also um eine subjektiv-protokollähnliche Gedankensammlung ohne jeden Vollständigkeitsanspruch. Man möge also, die Sätze, in denen ich Rudolf Steiner referiere (und natürlich alle anderen), gern kommentieren und korrigieren!

3 Antworten zu “Philosophie der Freiheit 3”



  1. Rainer H sagte

    Liebe Ruth,

    hier ein paar Anmerkungen zu dem Text. “Gibt es überhaupt absolute Zwänge?” Ein dehnbarer Begriff, wie überhaupt fast die gesamte Begrifflichkeit zu dieser Thematik. Ich würde nicht von “absoluten Zwängen” sprechen, eher von einer Zwanghaftigkeit des Denkens; ein Zwang, denken zu müssen. Das ist bei fast allen Menschen, mehr oder weniger, der Fall; eine Erkrankung liegt vor, wenn nicht nur die Form der Gedanken (das sich unaufhörliche wiederholen des Gedankenstromes) sondern auch die Inhalte der Gedanken nicht mehr vom Denkenden kontrolliert werden können.
    “Kann nicht sogar beispielsweise der Verzicht auf Nahrungsaufnahme, der zum Tod führt, eine freie Handlung sein”? Wie kommst Du auf dieses extreme Beispiel? Ich muß da eher an den Hungerstreik der RAF Leute denken; das Urbild einer freien Handlung ist das sicher nicht.
    Grüße


    • Ruth Jäger sagte

      Mit dem Beispiel meinte ich keine RAF-Leute und auch keine Suizidbereitschaft, sondern eher einen Verzicht im Sinne eines Opfers. (Jemand verzichtet auf den letzten Tropfen Wasser für ein Kind, oder ähnliches – so im Sinne von Frankls “Trotzdem ja zum Leben sagen”)

      Ich habe ein so extremes Beispiel gewählt, weil da eben unter Umständen trotz des Extems eine Handlungsfreiheit möglich bleibt. Unsere Gebundenheit an die Physis wird doch immer als “zwingendster Zwang” ins Feld geführt. Bei weniger radikalen Beispielen ist eine Entscheidungsfreiheit ja evident.
      Der Gedanke anders formuliert könnte lauten: Ein Mensch, der sich schon sehr viel Freiheitsraum erobert hat ist doch wohl weniger Zwängen ausgesetzt als ein anderer. Dies deutet darauf hin, das die Zwänge, die uns täglich bestimmen und die wir als absolut beherrschend empfinden, im Prinzip überhaupt nicht so absolut sind – sondern das wir deren Absolutheit sozusagen produzieren. Wir sind für unsere Zwänge selbst verantwortlich?!




  2. Rainer H sagte

    Ja, das obige Beispiel mit Victor Frankl klingt schon etwas anders.

    “Wir sind für unsere Zwänge selbst verantwortlich?!” Da stimme ich Dir ebenfalls zu: Das gilt zweifellos für den größten Teil der Bevölkerung. Neulich fand ich im “SPIEGEL” eine schöne Aussage über die heutige, junge Generation: Man verzweifelt nicht mehr, aber man zweifelt.
    Wir leben in solch einer für uns selbstverständlichen Freiheit, in solch einem materiellen und kulturellem Reichtum, dass wir es uns “leisten können” gewisse Zwänge und Neurosen ausbilden zu können. Man kann sich an sie gewöhnen und sie halten wie Haustiere.

Kommentare:

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