Sonntag, 19. Juli 2009

Zukunft der Anthroposophie

Unter dem Titel „Weitergehen! Anthroposophie im 21. Jahrhundert“ fand im Rudolf Steiner Haus Hamburg ein „Tag für Menschen und Anthroposophie“ statt. Veranstalter war das Arbeitszentrum Nord. Impulsreferate kamen von Matthias Bölts, Steffen Hartmann, Wolf-Ulrich Klünker, Roland Wiese und Seija Zimmermann .
Hier eine subjektive Auswahl einiger Gedanken des gestrigen Tages:
Anthroposophie wurde früher – und wird auch heute noch – als ein Lehrgebäude verstanden, aus dem man fertige Inhalte schöpft. Dies ist eine Art Vergangenheitsblick. Heute stehen wir an einer Schwelle, an der es immer wichtiger wird, den Abbildcharakter des eigenen Denkens und Verständnisses überzuführen in einen Seinsbereich, in einen Bereich der Kraft. Es gibt durchaus eine Berechtigung deskriptiver Begriffe, aber sie wollen aus der Erstarrung ins Leben hinein erlöst werden.
Die Anthroposophie entwickelt sich heute immer mehr von einer explizierten in eine implizite. Dies kann heißen: Dort wo vermeintlich anthroposophisch gesprochen wird ist die Anthroposophie unter Umständen gar nicht wirklich vorhanden. Und dort wo Anthroposophie nicht auf der Fahne steht, ist sie unter Umständen lebendig.
Eine Problematik, die daraus entsteht ist die Frage: Woran erkenne ich sie denn? Wie ist sie indentifizierbar, wenn ich sie nicht definiere und inhaltlich festklopfe. Gibt es ein spezifisches Sensorium, das ich entwickeln und pflegen muss, um sie auffinden zu können? Diese zu entwickelnde und zu pflegende Unterströmung des Alltagsbewusstseins hat dann aber einen Charakter, der nicht bloß beschreibt, sondern der selbst konstituierend ist. Es geht um eine Zeugenschaft, die nicht nur Zeugnis von Aufgefundenem ablegt, sondern selbst zeugt, die der Substanz zur Erscheinung verhilft.
Man schöpft dann in der Gegenwärtigkeit aus der Zukunft. Und indem man dies tut, kann auch die Vergangenheit neu verständlich werden.
Es gibt eine Offenheit, wenn der Mensch auf den Menschen trifft. Man kann mit Geistesgegenwart in solch eine Situation gehen, und die Ergebnisse nicht antizipieren. Insofern ist jede authentische Menschenbegegnung eine Schwellensituation, man weiß nicht, was dahinter liegt, was nachher kommt und muss sich eben auf ein Risiko einlassen.
Die Menschheitsentwicklung vollzog sich in der Vergangenheit „zum Menschen hin“ und muss jetzt übergehen in eine Entwicklung „vom Menschen her“. So ist auch die Frage nach der Zukunft der Anthroposophie eine Frage danach, was vom Menschen, vom Ich kommt. Die Anthroposophie wird das, was ich in ihr sehe.
Als Frage stand im Raum: Wird der Geist heute noch irgendwo außerhalb der Anthroposophie als ursächliche Kraft angesehen? Gibt es andere Strömungen, die Geistiges als initiierend und schöpferisch erkennen?
Abschließend möchte ich noch kurz erwähnen, dass dieser Tag von den Veranstaltern – wie mehrfach erwähnt wurde – nicht vorbereitet war. Es gab keine oder kaum Absprachen im Vorfeld oder eine feste Tagesordnung. Dies bestimmte natürlich stark den offenen Charakter dieser gemeinsamen Stunden.
Weiter so – mehr davon !

19 Antworten zu “Zukunft der Anthroposophie” aus dem alten Blog






  1. Rainer H sagte

    Danke Ruth, für diese gelungene Zusammenfassung. Eine solche Offenheit hätte ich Klüncker nicht zugetraut, ich habe ihn öfter im Steiner-Haus und Dornach als jemanden erlebt, der doch sehr an der gängigen anthroposophischen Terminologie festhielt. Um so erfreulicher die “Wandlung” von der Du berichtest. Man darf gespannt sein, ob sich diese Ideen in der HH-Anthroszene in irgendeiner (möglichst konkreten) Form fortsetzen werden.liebe Grüße








    • Ruth Jäger sagte

      Moin Rainer,

      eigentlich wollte ich nicht nur Klünker referieren, sondern alle möglichen Gedanken des Tages, die mir noch in Erinnerung waren und die ich bemerkenswert fand rausgreifen. Zugegenbenermaßen find ich Klünkers Formulierungen oft sehr inspirierend, daher ist vieles von ihm dabei.
      Ich find nicht, das bei ihm da eine “Wandlung” stattgefunden hat. Er hat schon immer völlig unabhängig und frei gedacht! Grade er klebt nicht an der “Anthro-Terminologie” – um so erfreulicher, dass so jemand in der Gesellschaft eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt.
      Liebe Grüße








      • Rolf Speckner sagte

        Liebe Ruth,

        dein Bericht gibt persönliche Eindrücke wieder. Das ist gut so, setzt ihm aber auch Grenzen. – Ob sich dieser oder jener Verantwortliche geändert hat, etc.. dazu kann ich nichts sagen. – In Deinem Bericht sind aber Gedanken die in Frageform geäußert wurden, in die Form einer konstatierten Tatsache verwandelt worden. Das wird dem Erkenntnisstand der Autoren nicht gerecht. Sie formulieren zwar oft konstatierend, z.B. in “Ich brauche die Anthroposophie, aber die Anthroposophie braucht auch mich.” Damit ist im Grunde gar kein Gedanke gemeint, sondern eine Willensrichtung versucht sich zu formulieren. Nimmt man solche Sätze als Erkenntnisversuche läuft man an den Verfassern vorbei.
        Was heißt denn: “Die Anthroposophie braucht mich!”? In welchem Sinne hat die Anthroposophie Bedürfnisse? Wer hat da die Bedürfnisse? Wovon reden wir? Der Begriffsgehalt dieser Aussagen ist furchtbar dünn. Aber der Willensgehalt ist wahrnehmbar – und um den ging es gestern.
        Ums “weitergehen” ging es.
        Man sagte, die Ideenkomplexe vom Anfang des 20. Jahrhunderts kehrten heute als Willensimpulse oder als gelebt werden wollendes, als Drang zurück. Meine Nachfrage, ob man eine solche Kategorie der menschlichen Individualentwicklung auf die Gruppe anwenden kann, quittierte Herr Klüncker mit der Bemerkung: “Da müßte man die Gesetze der Zweigentwicklung untersuchen…”. Das geschah aber nicht. – Es war auch nicht nötig, weil auch dieser Gedanke nur ein Versuch war, das was man in sich erlebte zu verstehen.
        Dein Rolf

















  2. Ruth Jäger sagte

    Lieber Rolf,

    Du schreibst: “In Deinem Bericht sind aber Gedanken die in Frageform geäußert wurden, in die Form einer konstatierten Tatsache verwandelt worden. Das wird dem Erkenntnisstand der Autoren nicht gerecht.”
    Sag doch mal konkret, wo hab ich aus Fragen Tatsachen gemacht? Das war nicht meine Absicht! Wenn mir das passiert wäre fänd ichs peinlich!
    Liebe Grüße








  3. Ruth Jäger sagte

    PS: Mit meiner Äüßerung über die “Wandlung” wollte ich natürlich nichts Grundsätzliches über den persönlichen Entwicklungsstand von Herrn Klünker sagen. Das wäre vermessen. Ich hab nur sagen wollen, dass ich noch nie den Eindruck hatte, dass er an “gängiger anthroposophischer Terminologie festhält”, wie weiter oben geäußert.







  4. Rainer H sagte

    Liebe Ruth, Deine Aussage ist keinesfalls “vermessen”, sondern entspricht meiner Antwort und damit meiner, wie ich zugeben muß, sehr subjektiven Wahrnehmung. Ich erinnerte mich an die Kurse von Klüncker und Stockmar im Steiner-Haus vor einigen Jahren; einige Teilnehmer haben mir damals mitgeteilt, wie sehr in dem Seminar eine gewisse “Aufbruchstimmung” leben würde. Das hat mich nicht überzeugen können, ich habe das nicht “erlebt”, bzw. hatte wohl auch nicht mehr die nötige Offenheit mitgebracht, die man für so ein Seminar braucht (Vielleicht habe ich mich auch einfach nur geärgert, dass die beiden, mehr oder weniger, über Kühlewind “abgelästert” haben, wer weiß, ist irgendwie auch schon lange her…)







  5. Rainer H sagte

    Mir fiel noch etwas ein: Die obige, sehr freilassende “Deutung” oder Standortbestimmung der Anthroposophie in Deinem Bericht könnte, mit etwas anderen Worten, im Grunde auch auf Gronbachs Website stehen.

    P.S. Klüncker und Stockmar haben damals natürlich nicht “abgelästert” über Kühlewind, das war mehr eine besondere Form von Kritik, die mich halt nur ziemlich geärgert hatte.








    • Ruth Jäger sagte

      Ich weiß nicht ganz genau wofür Sebastian Gronbach eigentlich steht.

      Aber z.B. ein Fazit (von sehr vielen) des gestrigen Tages war auch, dass ein konsequentes und kontinuierliches Studium der Anthroposophie absolut unabdingbar ist, um ihr auch zukünftig gerecht zu werden. (Ist ja auch klar, wie soll Anthroposphie Mensch werden, wenn sie nicht von Menschen aufgenommen wird.) Ein zweites ist die Schwellensituation, die ja immer auch bedeutet durch – gelinde gesagt – unangenehme Situationen zu gehen (Stichwort: Todespunkt, Abgrund, Krise).
      Auch das Bestreben die Begriffe wiederbeleben zu wollen, setzt voraus, dass man ihr Totsein erlebt. Keine Ahnung, ob man das so bei Gronbach findet?!











  6. Rainer H sagte

    “dass ein konsequentes und kontinuierliches Studium der Anthroposophie absolut unabdingbar ist…” Also doch wieder viele, viele Steiner Bücher lesen und sich darüber in Zweigabenden austauschen oder wie ist das gemeint?? Und wie ist es mit anderen “Strömungen”, modernen spirituellen Autoren der Gegenwart; Tolle, Wilber, Krishnamurti: Kann es mit Vertretern aus dieser Richtung einen wirklichen Dialog geben, wo man vielleicht auch von dem Anderen lernen will, anstatt die eigene anthroposophische Anschauung schon im Vorfeld als überlegenere Weltanschauung hinzustellen?
    Ich kann mit dem meisten, was Gronbach sagt, auch nichts anfangen und erlebe ihn als allzu exaltiert, aber er steht sicherlich für eine neue, moderne, in gewisser Weise unorthodoxe Form der Anthroposophie. Insofern dachte ich, dass der obige Text auf einen wie ihn zutreffen könnte.








    • Ruth Jäger sagte

      Es ist doch völlig jedem selbst überlassen, ob er viele oder wenig Bücher liest, ob er sich in Zweigabenden oder woanders oder gar nicht darüber austauscht. Wichtig ist nur, dass die Anthroposophie irgendwie an und in die Menschen kommt! Nochmal: Wie soll Anthroposophie Mensch werden, wenn die Menschen sie nicht aufnehmen? Das Studium kann auch über einen kommunikativen Austausch geschehen, wenn einem das Lesen nicht behagt. (Mir kommt grad in den Sinn: Er ist in der Welt, aber sie haben ihn nicht aufgenommen! Frei nach dem Johannes-Evangelium)

      Die Frage nach Tolle, Wilber, Krishnamurti hättest Du gestern stellen können, wenn Du da gewesen wärst. Ich kann dazu jetzt nur sagen, was ich denke, das ist jetzt also kein Bericht mehr von der Tagung. Obwohl eigentlich doch: Die konkrete Menschenbegegnung ist es doch, die bei dieser Frage eine Rolle spielt (und die kam wie oben beschrieben auf der Tagung zur Sprache). Es ging eben gestern gerade nicht darum jemandem eine “überlegene Weltanschauung” überzustülpen, sondern in echter Begegnung geistesgegenwärtig zu lernen und auch zu geben. Gerade das ist ja gemeint, mit der Überwindung altertümelnder lehrerhafter Anthroposophie, die rückwärtsgewand ist und nur aus Erinnerungen schöpft, statt aus lebendiger Authentizität. Und meines Erachtens liegt darin erst die eigentliche Anthroposophie. Man kann eben nur aus dem Inneren schöpfen, wenn man das Innere qualifiziert hat. (Ich weiß schon, jetzt kommst Du mit Tolle!)
      Dass es schwer ist die Anthroposophie zu identifizieren heißt aber nicht, dass sie nicht identifizierbar wäre, als etwas, das sich durchaus abgrenzt von anderen Strömungen. Ich würde mich wehren wollen gegen einen Begriff von Anthroposophie, der sie fasst als eine wabernde, weiche, sich an alles anpassende Wolke.
      Ob der obige Text auf Gronbach zutreffen könnte mußt Du ihn selber fragen.











  7. Rainer H sagte

    “In echter Begegnung geistesgegenwärtig zu lernen und auch zu geben…”, ja, da stimme ich Dir zu, darauf kommt es letztendlich an, bei der Anthroposophie oder auch bei einer anderen spirituellen Strömung.
    Aber der andere Punkt, das “konsequente Studium”, nun, das wäre schön, wenn das so freilassend behandelt werden würde, wie von Dir beschrieben. Ich habe da aber meine sehr persönlichen, eher negativen Erfahrungen gemacht, mit unserem gemeinsamen Bekannten HP und auch mit anderen Anthroposophen immer mal wieder die letzten 23 Jahre und leider lief das immer meistens auf eines hinaus: Das belehrende, das zitierende, die fehlende Erfahrung, das bekannte anthroposophische Wort, die Gewusstseinsseele statt Bewusstseinsseele, immer der Hinweis auf das “Studium” – für mich der Grund, mich von diesen Dingen radikal zu verabschieden.
    Vielleicht suche ich weiter die Anthroposophie, vielleicht will sie in einer anderen Form in mir Mensch werden, aber, sorry, wenn die Anthroposophie in mir Form nimmt, dann außerhalb eines anthroposophischen Buches.








    • Ruth Jäger sagte

      Ich finde es falsch die Probleme, die man mit einzelnen Anthroposophen hat, auf die Anthroposophie abzuwälzen. Sie kann doch nichts dafür.

      Dass die Anthroposophie außerhalb eines Buches in Dir Form nimmt finde ich auch sehr wünschenswert : )
      Liebe Grüße und gute Nacht











  8. Rainer H sagte

    Da magst Du recht haben, “Sie kann doch nichts dafür”, aber bei einer gewissen Dauer und Intensität von sich wiederholenden negativen Erfahrungen und Enttäuschungen mit einzelnen Menschen kann es halt zu solch einer Wahrnehmung, solch einem Urteil kommen. Dass dieses Urteil nicht unbedingt “objektiv” ist, ist mir bewusst. Ebenso liebe Grüße und gute Nacht!







  9. Ruth Jäger sagte

    Guten Morgen Rainer, dies dachte ich noch heut Nacht:

    Du sagst “Anthroposophie in moderner Form”
    Hauptsache bei der ganzen Modernisierung bleibt die Substanz erhalten! Die Anthroposophie ist das Modernste was es gibt. Man stelle sich vor einen “modernisierten Geist” oder einen “modernisierten Christus” – was soll das sein ?
    Grüße








  10. Rainer H sagte

    Hallo Ruth, meine Aussage wollte ich nicht an dem einen austauschbaren Wort “modern” festmachen, das war eher ein Hinweis auf das Tagungsthema “Anthroposophie im 21 Jahrhundert”, also eine Anthroposophie, welche die gegenwärtige kulturelle, spirituelle und politisch veränderte Zeitlage berücksichtigt. Das kann dann natürlich so weit gehen, dass man sich intensiv mit neueren spirituellen Strömungen verbindet, wie Gronbach und die Info 3 Leute es mit Ken Wilber und Andrew Cohen tun, oder wie ich es mit Tolle und Zen versuche.

    “Modernisierter Christus” klingt natürlich etwas dumm, ich meine eher “Christus in der Gegenwart” (möglicherweise ohne christlich-kirchlichem und anthroposophisch festgelegtem Begriffssystemen).
    Ein ausuferndes Thema, vielleicht lieber mehr bei einem Treffen demnächst, liebe Grüße








  11. Roland Wiese sagte

    Die Anthroposophie hat das Bedürfnis ‘bestimmter’ zu werden. Wie kann ich dieses Bedürfnis bemerken? Dazu müsste ich tatsächlich mit ihr umgehen, und in dieser Beziehung Entwicklungsmöglichkeiten der Anthroposophie erleben können. Dies ist in jedem Fall eine individuelle menschliche Beziehung; aber es ist eben eine Beziehung zur Anthroposophie. Die Anthroposophie wird mich nicht zu einer solchen Entwicklung zwingen, aber ich kann ein solches Entwicklungsbedürfnis erleben. Es in mir zu erleben bedeutet nicht, dass es nur in mir ist. Dass die meisten Menschen nur in eine Richtung denken und erleben, was die Anthroposphie für ihre Entwicklung bedeutet, bedeutet ja nicht, dass man auch in die andere Richtung denken und erleben kann. Man müsste für sich folgenden Unterschied erleben können: Die Aussage: Ich und der Vater sind eins, ist nicht das Gleiche wie: Ich bin der Vater. An dieser Schwelle zeigt sich wer Inhalt und Ich zu sehr voneinander trennt, oder zuwenig gegeneinander differenziert. “Dünn” ist es wirklich, aber nicht begrifflich, sondern die Zusammenhänge wollen willensmäßig gehalten und empfunden werden – ob sie sich gegenseitig tragen und beleuchten…Roland Wiese







  12. Rolf Speckner sagte

    Lieber Herr Wiese,

    ich habe das Wort von Ita Wegmann etwas anders in Erinnerung: “Ich bin für fortschreiten!”.
    Ich bin auch für Fortschreiten, trotzdem gehe ich jetzt erst mal weiter. Sie schreiben: “Die Anthroposophie hat das Bedürfnis ‘bestimmter’ zu werden. Wie kann ich dieses Bedürfnis bemerken? Dazu müsste ich tatsächlich mit ihr umgehen, und in dieser Beziehung Entwicklungsmöglichkeiten der Anthroposophie erleben können.” Warum sprechen Sie im Konjunktiv? Dazu müßte ich tatsächlich mit ihr umgehen…? Tun Sie das nicht? Ich bin sicher, Sie tun es. Warum dann der Konjunktiv? Tun’s die andern nicht? Sie legen diesen Gedanken nahe …
    Es ist bei der Allgemeinheit ihrer Aussagen, die ich als Mangel an Konkretheit, an Realitätsgesättigtheit erlebe, ganz unklar, wer gemeint ist. Das meine ich auch mit dem Wort “dünn”. Damit meine ich nicht etwa falsch.
    Und was heißt “umgehen”? Heißt das Lesen? Oder Denken? Meditieren? Wesensbegegnung? Ich will das nicht weiter verfolgen, sonst wird es bloß als “Kritisieren” aufgefasst. -
    Mit Ihren Schlußworten beschreiben Sie in etwa das, was ich so charakterisiert habe, indem ich sagte: Es geht nicht um einen Gedanken, sondern um einem Willensimpuls. Sie schreiben: “… sondern die Zusammenhänge wollen willensmäßig gehalten und empfunden werden – ob sie sich gegenseitig tragen und beleuchten.”
    Ich klopfe an Ihre Formulierung: Wer will willensmäßg gehalten werden? Die Inhalte? Wirklich die Zusammenhänge? Sie wollen gehalten werden – und empfunden, ob sie sich gegenseitig halten.
    Das meinte ich mit dünn.
    Ihr Rolf Speckner








    • Roland Wiese sagte

      Lieber Herr Speckner,

      Was ist der Inhalt einer freien Imagination im Verhältnis zu ihrem Zusammenhang? Und was ist ihr Realitätsgehalt? Sie ist tatsächlich ungesättigt, hungrig nach Wirklichkeit – das wäre ihr Drang nach der Seinsseite hin; sie ist aber auch flüchtig dünn – ihre Tendenz zum Lichtartigen des Scheins. Sie vermittelt insofern tatsächlich erst einmal das Gefühl des Schwebens. Die Konkretheit des Einzelbegriffes (und damit seine Konfiguriertheit) kann sich im besten Fall mit der Lichtseite verbinden, wenn die freie Gedankenbildung zusammenhält (und nicht auseinanderfällt). Interessant ist das für unsere Fragen deshalb, weil dadurch deutlich wird, dass die Sprache der Gegenwart (je nach Sprecher) offener für Imaginationen ist, als die Sprache noch zu Steiners Zeiten.
      Zur historischen Frage nach Ita Wegman. Wolf-Ulrich Klünker hat mich auch gefragt, ob ich mich in meinem Titel auf ihre (von Selg ja verbreitete)Aussage bezogen habe. Ehrlich gesagt: nein. Und ehrlich gesagt, selbst wenn da unbewusste Kräfte am Werk gewesen sein mögen, bin ich froh, dass ich das nicht bewusst rückwärts aufgeladen habe (es ja auch nicht erwähnt habe). Und ich bin froh, dass unbewusst Kontinuität besteht, die nachträglich bewusst wird.Mir kommt das unschuldiger vor.
      Ihr Roland Wiese








      • Rolf Speckner sagte

        Lieber Herr Wiese,

        mir wird zwar mit jeder Äußerung deutlicher, was Sie wohl meinen mögen, aber mir wird aus ihren Worten nicht deutlich, “dass die Sprache der Gegenwart (je nach Sprecher) offener für Imaginationen ist, als die Sprache noch zu Steiners Zeiten.” Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie sagen, es sei heute leichter als zu Steiners Lebzeiten eine Imagination (oder das was in ihr sich bildet) ins Wort zu bringen? Wie kann man das gewahr werden?
        Ich erlebe die deutsche Umgangssprache als hochgradig verdichtet und verhärtet. Feine Differenzierungen, das Hindurchlauschen auf das Ungesagte haben viele Menschen im wissenschaftlichen Raum verlernt. Und sie sprechen dem entsprechend.
        Der Blick nach Innen läßt mich zunächst ganz in meinem Tun und in dem was sich dem zuwendet. Ich kann gewahr werden wie mühsam es ist, den Raum frei und lebendig zu halten, in dem ein Bild wachsen kann. Das gelingt mir nicht oft. Wenn ein Bild da ist, weiß ich noch lange nicht, was es sagen will.
        Das mag bei Ihnen anders sein. Da spielet der Zeitpunkt der Inkarnation und natürlich auch die individuell persönliche Entwicklung eine große Rolle. Wenn Sie mir versichern würden, daß es Ihnen leicht fällt, Bilder zu bekommen und zu verstehen, bin ich durchaus bereit, Ihnen das zuzugestehen. Warum denn nicht?
        Wie aber vergleichen Sie die Art der Offenheit der Sprache einst und jetzt? Wie der Übergang von der lebendigen Bildlichkeit zu den Worten bzw. Gedankeninhalten zu bewerkstelligen ist, das kann man bei sich einigermaßen beobachten. Wie soll man das aber bei den Worten Steiners – denn er ist es doch wohl, an den Sie denken?
        Ob es die mächtigen Bilder der Hochschule sind, ob es die Bilder der Leitsätze sind, ob es die Bilder des Grundsteinspruches sind: Rudolf Steiners Sprache ist weist auf Imaginationen hin. Gewiß kann man soetwas wie den Sprachfluß gewahr werden. Und der ist bei Rudolf Steiner im Laufe seines Lebens immer leichter geworden.
        Ich würde daraus niemals eine derart allgemeine Aussage treffen mögen wie: “dass die Sprache der Gegenwart (je nach Sprecher) offener für Imaginationen ist, als die Sprache noch zu Steiners Zeiten.”
        Mein Eindruck ist, daß Sie solche Sätze deshalb glauben prägen zu dürfen, weil Sie sie als Experimente, zu formulieren ansehen. Wenn Ihr Erlebnis mit Ihren Worten übereinstimmt, dann halten Sie sie für real. Real nicht im Sinne des äußerlich existenten, sondern der Wesensgesättigtheit durch das Angebundensein an innere Erfahrung.
        Ob das viele Menschen so auffassen werden? Ich empfinde manche Ihrer Formulierungen nicht als imaginativ sondern als schwebend – wie Sie es auch charakterisiert haben. Ich lasse offen, wie es zu einem solchen unterschiedlichen Erleben kommen kann.
        Mir wäre aber wichtig, zu wissen, ob ich Sie halbwegs verstanden habe; denn formulierte Ideen, wie “Die Esoterik der Inhalte ist vorbei – die Zukunft gehört einer Esoterik des Ichs!” empfinde ich wie Schlagworte. Der Inhalt ist nicht neu. Es kam nie (nur!) auf den Inhalt an, sondern immer ebenso darauf, daß der Inhalt in einer ichhaften Weise ergriffen und getragen wurde. Bei moralischen Intuitionen, daß der Inhalt selbst geboren wurde. Das zu betonen, ist aller Ehren wert. Mit der Schwebe-Idee “Die Zukunft gehört einer Esoterik des Ichs! Die Esoterik der Inhalte ist passe!” wird gerade die Differenzierung vermieden. Gibt es denn ein Ich ohne Inhalt? Ich hoffe, daß die Zukunft nicht inhaltlosen Ichen gehört? Es gibt keine Form ohne Inhalt und keinen Inhalt ohne Form. (Da meldet sich wohl der alte Aristoteliker in mir?)
        Gewiss, im Augenblick des Imaginierens mache ich mich zu luftigen Sphaere, die selbst nichts will. Aber diese Einschränkung bleibt auf der Strecke. Sie haben – man merkt es – Freude daran, Ihr Selbsterlebnis als geistig-seelisches Wesen in einer geistig-seelischen Umwelt wahrzunehmen und auszusprechen. Das habe ich auch! Aber ich würde solche “Entdeckungen” nicht drucken. Denn im Druck sind sie außerhalb Ihres Einflußbereichs.
        Hier beginnt die Sphaere “von Mund zu Ohr”. Damit meine ich keine Geheimniskrämerei sondern die Tatsache, daß das gesprochene Wort, wenn es verantwortlich geäußert wurde, mit seinem Begriff verbunden ist, das Gedruckte nicht.
        Vielleicht pflegen Sie ein mehr poetisches Verhältnis zur Sprache statt des bisherigen wissenschaftlichen. Gegen einen solchen poetischen Sprachgebrauch ist im menschlichen Umgang nichts einzuwenden.
        Wenn er sich aber zu programmatischen “Schlagworten” verdichtet, entsteht ein sozialer Konfliktstoff. Ich erinnere mich noch gut an die “Kampagne” der “neuen Anthroposophie”. Diese Wort haben sich inzwischen Missionare aller Arten angeeignet und ihre Wirkung ist den Händen derer, die Sie geprägt haben längst entglitten … .
        Ihr Rolf Speckner









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