Dienstag, 22. September 2009

"Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz" von J.V. Andreae

In der Rubrik "Kürzlich gelesen" möchte ich heute das Buch "Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz" vorstellen. Es handelt von einem, der sich am Schluss des Buches Christian Rosenkreuz nennen darf und beschreibt auf höchst ungewöhnliche Weise dessen Einweihungsweg. Das Buch wurde 1603 verfasst und überrascht durch eine wilde Mischung aus skurrilen Begebenheiten, sehr blutrünstigen Ereignissen, einem seltsamen Humor und einer hochheiligen Symbolik.
Das Geschehen ist in sieben Tage gegliedert. Der Einzuweihende wird am ersten Tag durch ein Engelwesen zu einer königlichen Hochzeit eingeladen und begibt sich unverzüglich auf eine surreal anmutende Reise.
Alles kommt komplett anders als man erwartet, man wird mit einer bestürzend handgreiflichen Brutalität konfrontiert - es werden Exekutionen durchgeführt, Hände werden von Körpern gerissen, statt einer herkömmlichen Hochzeit, werden Braut und Bräutigam geköpft, Blut fließt in Strömen. Auf den ersten Blick hält man es kaum für möglich, dass es sich hier um ein Werk christlicher Einweihung handelt.
Dann gibt es noch Knaben und holde Jungfrauen, die den Leser und auch den Einzuweihenden ungerührt durchs Geschehen geleiten. Logisches wird ganz selbstverständlich mit Unlogischem vermischt. Manche "Nebensache" wird detailliert beschrieben und manches Wichtige wird nur kurz angerissen.
Alles läuft darauf hinaus, dass in alchimistischen Laboratorien mit den Bestandteilen der königlichen Leichname geheimnisvolle Verrichtungen vollführt werden, mit dem Ziel das Königspaar verwandelt wiederzubeleben. Der ganze Prozess kann wohl - wie ja jedes Märchen auch - verstanden werden als innerseelisches Geschehen. Beinahe jeder Satz enthält tiefste Geheimnisse. Die Wiederbelebung gelingt, die Geschichte bleibt am Ende jedoch trotzdem offen.
Das Buch ist ausgesprochen kurzweilig. Beim ersten Lesen hat mich die Fülle der unglaublichen Ereignisse wirklich überfordert, man kommt aus dem Staunen kaum heraus. Entweder legt man es irritiert zur Seite oder man beginnt sich mit dem Rosenkreuzertum intensiver zu beschäftigen.

Letzteres tut ein Arbeitskreis, der sich im Rudolf Steiner Haus Hamburg seit 6 Jahren mit diesem Werk befasst. Trotz der langen Zeit ist der Kreis offen, man kann jederzeit einsteigen.

Kommentare:

  1. Liebe Ruth,
    ich bin richtig froh, diese Schliderung von dir hier so zu lesen. Denn mir ging es beim Lesen der vielen rätselhaften Szenen ganz ähnlich wie dir. Es ist auch glaube ich ein Buch, das man mit einigem christlichen Vorwissen; und dann auch eben gemeinsam mit anderen lesen sollte. Weil es sich um solch dichte Einweihungsliteratur handelt, ist es wichtig, sich durch es in der Wirklichkeit zu verknüpfen. Ich finde es auch immer erst nach einigen Jahren lohnenswert, sich mit solcher Literatur zu beschäftigen, weil man ja den ganzen Vorgang miterlebt. Anfangs ist man Anfänger, dann lernt man dazu, noch später erntet man die Frucht aller Anstrengung. Wie schön, dies hier zu Herbstanfang schreiben zu können! Steiner würde sich freuen.

    Sind Einweihungswege eigentlich überhaupt irgendwann zu Ende????

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  2. Ja, Einweihungswege enden wahrscheinlich immer nur etappenweise, daher ist es wohl auch sprechend, dass das Ende des Buches offen bleibt.
    Liebe Grüße

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  3. Meinst du? Dann gibt es ja doch Erfolg oder Misslingen, Stolz oder Traurigkeit usw! Dann sind es gar keine Chimären!
    Meinst du vielleicht, dass ein bestimmtes Buch einen Menschen für eine Lebensphase begleitet, und dann kommt etwas anderes?
    Ich hatte bisher immer das Leben selbst als einen Einweihungsweg verstanden, und das hat schon einen Anfang und ein Ende, wenn man es linear versteht.

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  4. Ja ich glaube auch, dass das Leben als ein Einweihungsweg verstanden werden kann. Und es gibt ja viele - viele Wege und viele Leben. Das Ende ist für mich in so weiter Ferne, dass ich mir dazu noch gar keine Vorstellungen machen kann/will. Was meinst Du mit "dann gibt es ja doch Erfolg oder Misslingen..."?
    Grüße

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  5. Na ja,
    auf andere Weise, wie man vordergründig denken möchte. Wenn eine Aufgabe erledigt ist, z.B. Hast du deine Aufgaben im Leben erledigt? Hat das überhaupt irgendein Mensch, oder ein Gott?

    Aber der Titel des Buches ist auch verwirrend, denn chymische Hochzeit, im Übertragenden Sinne denkt man schon an eine Vereinigung. Oder? Man kann auch glaube ich verwirren, ob es um eine Hochzeit, oder um eine Aufgabe gehen soll. Weil, eine Aufgabe löst sich irgendwann, das ist Erfolg, aber Liebe soll doch nicht sich auflösen, die soll doch sogar wachsen.

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