Mittwoch, 11. November 2009

Hamburger Arbeitstag zum Thema "Anthroposophie, Pseudospiritualität und Nationalsozialismus" mit Arfst Wagner, Andreas Bracher und Peter Tradowsky

Im Steiner Haus Hamburg fand am 7.11.09 eine Tagung zum Thema Anthroposophie und Nationalsozialismus statt. Hier seien kurz nur einige Gedanken der Vorträge wiedergegeben:

Die zwei Beiträge von Arfst Wagner zeigten anschaulich und bestürzend eine unglaublich umfangreiche Liste von „Anthroposophen“, die teilweise in den Nationalsozialismus verstrickt waren oder sich sogar tief mit ihm verbunden hatten.
Angeführt seien hier nur Heinz Pfeiffer, der Verfasser des immer noch viel gelesenen Buches „Brüder des Schattens“, der - so Wagner - Verbindungen zu geheimen SS-Netzwerken pflegte, oder auch Werner Georg Haverbeck. Haverbeck wage in seinem Buch „Rudolf Steiner – Anwalt für Deutschland“ die unglaubliche These, dass Steiner und Hitler zwei historische Gestalten EINER Bewegung gewesen seien, der eine esoterisch wirkend, der andere exoterisch.
Wagner berichtete aber auch von merkwürdigen „zufälligen“ Parallelen. So gibt es ein Buch des anthroposophischen Autors Roman Bos und eines von Josef Goebbels mit dem gleich lautenden Titel  „Michael“. Berichtet wurde beispielsweise auch von kruden verzerrten Reinkarnationsideen Himmlers, der offenbar der Ansicht war, die leibliche Grundlage des Judentums müsse vernichtet werden, da sie für weitere Reinkarnationsfolgen nicht tauge.
Die Forschungen Wagners ergaben ihm als ein Ergebnis, der Nazismus sei eine Art negatives Spiegelbild, ein diabolisches Schattengebilde der Anthroposophie.
Sehr einleuchtend erscheint mir auch seine Aufforderung an die Menschen, die mit Forschungen zu diesem Thema befasst sind, verstärkt zusammenzuarbeiten, auch wenn sie aus verschiedenen Richtungen kämen. Das Thema sei so komplex und differenziert, dass Einzelbemühungen heute einfach keine befriedigenden Ergebnisse erzielen können.
Auf der Seite des Lohengrin-Verlages von Arfst Wagner findet man Ausführlicheres zu diesem Thema:
http://www.lohengrin-verlag.de/artikel/nsinterview.htm
_______
Andreas Bracher charakterisiert Steiners Verhältnis zum Judentum in drei Schritten:
Erstens war Steiner grundsätzlich gegen nationalistische Ausgrenzungsprinzipien und damit gegen die Separation des Judentums. Am besten seien viele Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, um das nicht mehr zeitgemäße Blutprinzip der Generationenfolge einer Ethnie als Grundlage für geschlossene Gemeinschaften oder Nationen auszuhebeln. (Übrigens spielt ja auch in Steiners Dreigliederung die ethnische Zugehörigkeit der Menschen keine Rolle bei der politischen Gestaltung der Sozialordnung – ganz anders als bei den Nazis.)
Was Steiner zweitens am Judentum stark würdigte, war seine historische Bedeutung als Volk, das die leibliche Grundlage für die Inkarnation des Christus über Jahrtausende vorbereitete und zur Verfügung stellte und das außerdem das ichhafte hirngebundene Denken als Bedingung der Freiheit ermöglichte. Ohne all dies hätte die Anthroposophie heute keine Grundlage.
Drittens pflegte Steiner viele intensive und freundschaftliche Beziehungen zu Juden (hier sei nur erinnert an: Carl Unger, Walter Johannes Stein, Adolf Arenson, Ludwig Thieben...)
Kein Wunder also, dass die Nazis Steiner sofort als Feind ausmachten und die Anthroposophie auszumerzen versuchten. Dies äußerte sich beispielsweise in dem bekannten Anschlag auf Rudolf Steiner 1922.
Bracher las einiges aus einem Arikel des Völkischen Beobachter vor, das ich hier nur in Teilen (und zwar in den moderateren Teilen) wiedergeben möchte: "Herr Steiner will mit seiner Lehre praktisch das Gleiche, was alle Feinde unserer staatlichen und völkischen Selbständigkeit anstreben. Nur nennt er es anders. Unter dem Namen "Anthroposophie" und "Dreigliederung" geht er seinen dunklen Geschäften nach, Millionen stehen ihm zur Verfügung, unser Volk mit seinen Lehren zu verseuchen, und durch seinen Einfluss auf weiteste Kreise ist er zu einer Gefahr für unsere Gegenwart und Zukunft geworden. Herr Steiner mag seine Giftdrüse im Ausland verspritzen, von mir aus in Dornach bei Basel, wo er sich einen Tempel hinsetzte, mit dem er den Namen unseres Goethe schändete..." (Zitiert nach "Johannes Tautz: Der Eingriff des Widersachers")
Aber auch die militärischen Eliten der Weimarer Republik unterwanderten Steiners Bemühungen und Impulse. Beispielsweise sollte mit Hilfe der Veröffentlichung der Memoiren Helmuth von Moltkes durch Steiner gezeigt werden, dass bei Ausbruch des ersten Weltkrieges die militärische Führung völlig kopflos und ohne Strategie agierte und von Welteroberungs-Ideen weit entfernt war. Es sollte gezeigt werden, dass der Versailler Kriegsschuldparagraph nicht gerechtfertigt sei, um die schweren Reparationen und die Ächtung und Isolierung Deutschland zu mildern. Diese Veröffentlichung wurde von der Obersten Heeresleitung unterlaufen, um ihr eigenes Ansehen nicht zu gefährden. Und die Ächtung und Isolierung Deutschlands wurde von den Nazis gern politisch-propagandistisch genutzt und mündete in die uns bekannten Katastrophen.
Es tobte ein Kampf um „die Seele Deutschlands“: Auf der einen Seite der Dreigliederungsimpuls, also der Versuch das Geistesleben aus der Umklammerung von Politik und Wirtschaft zu befreien, um eine zukunftsfähige Sozialordnung zu errichten. Auf der anderen Seite Hitlers totalitärer Einheitsstaat. Die Nazis siegten. Ab 1922 konnte Rudolf Steiner keine öffentlichen Vorträge mehr in Deutschland halten. Die Anthroposophie war verdrängt und konnte – so Bracher – bis heute nicht mehr wirklich auf eine  wünschenswerte Weise in Deutschland Fuß fassen.
_____
Peter Tradowsky spannte auf der Tagung den historischen Bogen am weitesten.
Er zeigte beispielsweise auf, dass man Kaspar Hauser sehen könne als einen guten Geist des deutschen Volkes, mit seinen merkurial-ausgleichenden Kräften, seiner unschuldigen Seele und seinem herzlichen Wesen. Um ein Gefühl zu bekommen, für das, was Rudolf Steiner „deutscher Volksgeist“ nennt, müsse man des weiteren natürlich die deutsche Klassik hinzuziehen. Während der wilhelminischen Zeit habe sich nun aber gerade eine fundamentale Abkehr der Deutschen von ihrem Volksgeist vollzogen. Erst diese Abkehr machte den Nationalsozialismus und seine Gräuel möglich. Schon im Hinblick auf den 1. Weltkrieg wäre es nötig gewesen, dass die militärisch Verantwortlichen – in Übereinstimmung mit dem Volksgeist und unter vernünftiger Berücksichtigung der technischen Gegebenheiten -  eine militärische Auseinandersetzung unter allen Umständen vermieden hätten. In der Idee der sozialen Dreigliederung habe sich das trinitarische Prinzip des Michaelischen gespiegelt und verwirklichen wollen. Eine solche „soziale Trinität“ die im Einklang mit dem Volksgeist steht, war der größte Gegenspieler des Nationalsozialismus und dies hatte Hitler erkannt. Steiner wird 1925 vom physischen Plan verdrängt und stirbt einen Monat nach der Neugründung der NSDAP.
Von Seiten des Rudolf Steiner Hauses ist geplant dies Thema weiter zu bearbeiten, vielleicht wird schon in einem halben Jahr diese Tagungsarbeit fortgesetzt - eine sehr gute Idee.

Kommentare:

  1. Danke Ruth, für diesen gut recherchierten, informativen und sehr lesenswerten Beitrag!!

    AntwortenLöschen
  2. Hans-Peter Dieckmann12. November 2009 um 14:00

    Gut referiert, Ruth. Trotzdem finde ich einige Ergänzungen wichtig. Ich konzentriere mich dabei auf die Ausführungen von Arfst Wagner zu Werner Haverbeck, weil sie etwas von der immer noch aktuellen Brisanz des Themas zeigen, die bei Dir nicht deutlich wird.

    Zu Wagners Ausführungen zu dem Christengemeinschaftspfarrer Haverbeck gehörte dessen Hinweis, dass Haverbeck sich privat offener über seine Verehrung Hitlers als in seinen Büchern geäußert hat. Für jeden aufmerksamen Leser liegt das zwar nahe und fließt in sein Urteil ein, füge ich hinzu, doch es gibt leider bis heute Anthroposophen, die das übersehen, nicht schlimm finden oder (das nur in Ausnahmefällen) Haverbecks Überzeugungen sogar begrüßen, auch in Hamburg. Zu Haverbeck sollte man nie das so genannte Collegium Humanum vergessen, über das er versuchte, Rechtsradikale für die von ihm entstellte Anthroposophie und Anthroposophen für seine Anthroposophiedeutung zu gewinnen, wofür er bei den oben genannten Anthroposophen natürlich leicht anknüpfen konnte. Wagner wies während seiner Vorträge auf das Collegium Humanum hin, das inzwischen wegen seiner rechtsradikalen und revisionistischen Haltung (z.B. Leugnung des Holocaust, die zu Haverbecks Schönfärbung des Nazi-Staates gehörte) verboten worden ist. Trotz dieser fragwürdigen Haltung gab es einige Christengemeinschaftspfarrer, die Haverbeck die Stange hielten. Gibt es sie heute noch? Der Anthro-Nazi wurde von der Leitung der Christengemeinschaft in den Ruhestand versetzt (ein Ausschluss ist nach dem Selbstverständnis der CG nicht möglich), aber nach Wagner nicht etwa wegen seiner abstrusen rechtsradikalen Überzeugungen, sondern weil man nach einer Weltreise von Haverbeck (vermeintliche) zu linke Tendenzen bei ihm ausgemacht hatte: der Pfarrer berichtete z.B. begeistert von seinem Auftritt vor ungefähr 3.000 Sowjet-Bürgern, bei dem er Anthroposophie vertreten durfte und schwärmte von den Errungenschaften der Sowjet-Diktatur.

    Haverbeck ist zwar ein besonders extremes Beispiel, aber die Anthro-Szene ist bis heute keineswegs frei von revisionistischen Tendenzen mit Sympathien für politisch Rechte. Was in der Anthroposophie selbst dazu Anlass gibt, wurde während der Tagung nicht selbstkritisch thematisiert. Aber es gibt nun einmal problematische Äußerungen Rudolf Steiners zur Rassenfrage und zum Judentum, bei aller eindeutigen (und von ihm auch erklärten) Unvereinbarkeit der Anthroposophie mit dem Nationalsozialismus. Vielleicht wird das ja bei der nächsten Tagung nachgeholt.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Hans-Peter,
    wie es mit Ausschlüssen in der CG ist weiß ich gar nicht wirklich. Ich könnte mir nur vorstellen, dass man einem Pfarrer die Weihe nicht entziehen kann, weil sie eben ein esoterischer Tatbestand ist. So wie man einen Getauften auch nicht "enttaufen" kann, egal wie er sein Leben führt. Aber ich bin mir nicht sicher.
    Grüße Ruth

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Hans Peter, es gibt einen schönen Ausspruch von Matthias Claudius: "Sage nicht alles, was du weißt, aber wisse alles, was du sagst"
    In diesem Sinne würde ich gerne Arfst Wagner fragen, woher er seine Informationen bezüglich der Ruhestandes von Havebeck hat. Wenn ein Pfarrer von einen Auftritt vor 3000 Sowjet-Bürgern schwärmt ist das garantiert kein Anlass, ihn in den Ruhestand zu verseten. War A. Wagner dabei, als die Lenkung der CG Haverbeck ihre Begründung für den Ruhestand mitteilte? Oder hat Wagner eine entsprechende Info von einem Bekannten gehört?
    Kann es nicht sein, dass verschiedene Aspekte ausschlaggebend waren bei der Entscheidung der CG? Das umstrittene Buch "Anwalt für Deutschland". die Mitgliedschaft im "Collegium Humanaum" UND seine Schwärmeei für die Errungenschaften der Sowjetdiktatur? Das eine schliesst das andere nicht aus.

    Auch wenn Ruth zweifellos sehr sorgfältig aussucht, was hier auf ihrer Seite erscheint, muss man doch gerade im Netz sehr aufpassen, welche Aussagen verbreitet werden.
    Wenn Du von den Pfarrern berichtest, die "Haverbeck die Stange hielten" und anschließend fragst "Gibt es sie heute noch?" hat diese Frage für mich etwas sehr tendenziöses, im Sinne einer Vorabverurteilung. Ich nehme an, dass es sich bei der Haverbeck-Geschichte innerhalb der CG um einen langdauernden Prozeß gehandelt hat, wo sicher nicht alle Informationen allen Beteiligten zur gleichen Zeit vollständig bekannt waren. "Die Stange hielten..." kann bedeuten, dass ein Pro und Contra dieser Entscheidung über einen bestimmten Zeitraum
    diskutiert wurde.
    Ich kenne die Christengemeinschaft sehr lange, kenne auch einige Pfarrer sehr gut und bin ganz sicher, dass rechte Tendenzen heute dort nicht zu finden sind.

    AntwortenLöschen
  5. Hans-Peter Dieckmann13. November 2009 um 11:41

    Hallo Ruth, laut einer Presseerklärung von Frank Hörtreiter (Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft) zu Werner Haverbeck kann man nach dem Selbstverständnis der CG die Priesterweihe nicht entziehen, wohl aber das Amt. Das Amt ist Haverbeck bereits 1960 entzogen worden, weil er - so Hörtreiter - so mit Jugentlichen politisierte, dass er die politische Neutralität (die man in der CG offenbar von ihren Pfarrern verlangt) verletzte. Welche politischen Inhalte von Haverbeck vertreten wurden, schreibt Hörtreiter leider nicht. 1980, Haverbeck war inzwischen 70 Jahre alt und kam nach der Presseerklärung für ein Amt nicht mehr in Frage, wurde er zu internen Treffen der Pfarrerschaft wieder zugelassen. Er durfte weiterhin keine Gemeindetätigkeit ausüben und es wurde im Einvernehmen erklärt, dass seine Initiativen (z.B. das Collegium Humanum) nichts mit der CG zu tun haben. Hörtreiter: "Damals war der CG noch nicht bekannt, wie extrem die politische Ausrichtung des Collegium Humanum sich entwicklen würde, sonst wäre vielleicht selbst diese distanzierende Vereinbarung nicht zustande gekommen." Das 1989 erschienene Buch von Haverbeck "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" wurde, so heißt es weiter, in der CG (wie auch in der anthroposophischen Presse) völlig abgelehnt.

    Wie ich schon geschrieben habe, fehlt in der Presseerklärung leider ein Hinweis auf die von
    Haverbeck vor Jugendlichen vertretene politische Richtung. Wenn man von seinem Politisieren wusste, wird man auch über die von ihm vertretene Politik informiert gewesen sein. Hatte Haverbeck sich damals eher zurückgehalten?

    Warum verlangt man von den Pfarrern der CG politische Neutralität? Wie weit soll sie gehen? Hat man sich mit der Stellungnahme gegen Haverbecks Buch nicht auch politisch bekannt?

    Außerdem: Was wusste man 1980 in der CG bereits über die Ausrichtung des Collegium Humanum? Und warum heißt es in der Presseerklärung, wenn die spätere extreme Ausrichtung des Collegium Humanum bekannt gewesen wäre, hätte man VIELLEICHT nicht einmal die (von mir oben genannte) Vereinbarung getroffen?

    AntwortenLöschen
  6. Hier ein Kommentar von Frank Hörtreiter, den er mir eben per email zuschickte, es gab wohl ein technisches Problem ihn hier einzustellen:

    Frank Hörtreiter:
    ich bin Pfarrer in der Christengemeinschaft und habe Haverbecks
    unglückselige Rolle einigermaßen recherchiert. Sonst beteilige ich mich
    nicht an Blogs, weil sie ins Uferlose führen, aber hier möchte ich meine
    Kenntnisse einbringen und außerdem auf die Haverbeck-Presseerklärung auf der
    Website "Christengemeinschaft.org" hinweisen.
    Haverbeck hatte sich wohl - nach dem 2. Weltkrieg - ganz der Anthroposophie
    zugewandt: wie er sie halt verstand. Er hat wohl das Gefühl gehabt, er habe
    vor seiner Weihe Emil Bock seine Nazi-Vergangenheit voll eingestanden; auch
    wenn das wohl von verklärender Erinnerung eingefärbt sein mag. Sein im
    Priesterrundbrief veröffentlichter Lebenslauf scheint mir schöngefärbt.
    Noch nicht einmal zehn Jahre nach seiner Weihe wollte er mit einer
    Jugendgruppe der Christengemeinschaft zu den Weltjugendfestspielen in Peking
    (nicht Moskau) fahren, und nun reichte es Emil Bock. Vor seinem Tode
    (6.1.59) brachte Bock es auf den Weg, dass Haverbeck zwar nicht die
    Priesterweihe entzogen wurde (das kann man in der Christengemeinschaft
    nicht), aber verboten wurde, im Namen der Christengemeinschaft zu arbeiten.
    Beschlossen wurde das Anfang 1960. Haverbeck hat dann später, als er ohnehin
    das Pensionsalter erreicht hat, mit der Leitung der Christengemeinschaft
    vereinbart, dass er nun - quasi als Rentner - wieder die Synoden besuchen
    und den Priesterrundbrief empfangen darf. Er selber sicherte zu, nicht zu
    politisieren und dabei den Eindruck zuzulassen, er handele im Namen der
    Christengemeinschaft. Das hat er aber nicht eingehalten, und als sein Buch
    "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" erschien, war die Reaktion in
    allen anthroposophischen Zeitschriften - zuerst in der
    "Christengemeinschaft" - durchweg negativ.
    Dass Pfarrer der Christengemeinschaft Haverbeck "die Stange hielten", trifft
    höchstens auf einen inzwischen verstorbenen Pfarrerfreund zu, bei dem ich
    aber den Eindruck habe, dass er ihm treu sein wollte und auch eher zum
    rechten Rand der anthroposophischen Szene gehörte, aber nicht
    naziverdächtig. Als Haverbeck einmal versuchte, durch den Priester-Rundbrief
    Christengemeinschaftspfarrer zur Nachfolge seiner Arbeit in Vlotho zu
    gewinnen, antwortete ihm m.W. donnerndes Schweigen.

    AntwortenLöschen
  7. Hans-Peter Dieckmann13. November 2009 um 14:55

    Hallo Rainer,

    sicher, man sollte wissen, was man äußert, besonders öffentlich und zu einer solchen brisanten Frage. Doch siehe hierzu meine Antwort an Ruth, die über die Haltung der CG-Leitung zu Haverbeck eine Auskunft gibt, die Dir bekannt gewesen sein könnte.

    Zu meinem Bezug auf Arfst Wagner eine Ergänzung aus seiner Arbeit "Werner Haverbeck - Anwalt für Deutschland?": "Seit vielen Jahren warteten Menschen, die Werner Haverbeck kennen, auf das Buch, das er dann am 1.September 1989 vorgelegt hat: "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" (Langen Müller, München). Wir können hier auf das Buch nicht ausführlich eingehen und verweisen auf verschiedene Buchbesprechungen, die in anthroposophischen Zeitschriften erschienen sind. (Hinweise) In einem kurzen Essay zum 1. September 1989 (Hinweis) wurde bereits darauf hingewiesen, dass Haverbeck in diesem Buch das Vorhandensein deutscher Vernichtungslager bestreitet, was im Grunde genommen einen Straftatbestand nach heutigem Recht darstellt. (Hinweis) Wir verwiesen darauf, dass Haverbeck selbst im Dritten Reich durchaus Karriere gemacht hat und schilderten rein faktisch Stationen dieser Karriere, die uns allerdings seinerzeit noch nicht so geschlossen vorlag wie heute. EIN PFARRER DER CHRISTENGEMEINSCHAFT, DER MIT HAVERBECK AUCH HEUTE NOCH ENG ZUSAMMENARBEIT, GEORG BLATTMANN, BEZICHTIGTE DEN VERFASSER DARAUFHIN "DER HEXENJAGD" UND VERTEIDIGTE DAS ANLIEGEN HAVERBECKS." Die Arbeit von Wagner ist in den 90er Jahren erschienen. - Vielleicht gibt es solche Sympathisanten ja heute nicht mehr. Doch meine Frage ergibt sich sachlich aus Wagners Hinweisen und war und ist als offene Frage gemeint. Prüfe Dich lieber, ob Du als (ehemaliges?) CG-Mitglied mich tendenziös beurteilst. Ich schließe noch eine weitere Frage an: Wie stand und steht man in der CG zu den (noch vorhandenen?) Haverbeck-Sympathisanten in den eigenen Reihen?

    Ein Tipp nicht nur an Dich: www.egoisten.de - Dort finden sich aufschlussreiche Arbeiten zur Benesch-Biographie und über ihn hinaus zum Thema "Anthroposophen und Nationalsozialismus", auch mit Bezug auf die heutige CG.

    AntwortenLöschen
  8. Lieber Herr Hörtreiter, schön, dass man mal von Ihnen hört und dass Sie mit Ihrer Antwort, bzw. Ihrer Mail, Licht in dieses Dunkel gebracht haben. Sie haben recht, diese Blogs haben etwas uferloses und führen auch meistens zu nichts (ich habe eventuell zu viel Zeit...)

    AntwortenLöschen
  9. Ruth, wenn wir hier so weitermachen mit dem Thema, dauert es wohl nicht mehr lange, bis Andreas Lichte vorbeischaut...

    AntwortenLöschen
  10. Hans-Peter Dieckmann16. November 2009 um 16:48

    Noch ein paar Anmerkungen:

    Meine Nachfrage bei Arfst Wagner hat ergeben, dass ihm nicht bekannt ist, dass neben Blattmann nach dem Erscheinen von "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" weitere CG-Pfarrer Veranstaltungen mit Haverbeck durchgeführt haben. Wagner weiß aber von mehreren anderen Anthroposophen, die ebenfalls noch mit Haverbeck zusammenarbeiteten, namentlich nennt er Ernst-Otto Cohrs und Heinz Pfeifer.

    Wagner bekräftigt, dass Haverbeck wegen seiner (angeblich) linken Gesinnung das Amt entzogen wurde. Von einem Lenker (höherrangiger Pfarrer) der CG ist ihm das bestätigt worden. Besonders Artikel von Haverbeck über seine Russland- und China-Reise (1958) in der Zeitschrift "Die Kommenden" sollen Emil Bock (verstorbener Erzoberlenker bzw. Leiter der CG) verärgert haben. Anfragen und Hinweisen von Wagner und Hans-Diedrich Fuhlendorf zwischen 1981 und 1989 zu Haverbeck ist die CG nach Wagner nicht nachgegangen, was - meine ich - der CG den Schock (so Hörtreiter) über Haverbecks Buch "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" erspart hätte.

    Und was sagt es aus, dass Blattmann auch nach dem Schock der CG noch mit Haverbeck Veranstaltungen durchführen konnte, ohne Folgen für sich in dieser Kirche? Auf jeden Fall, dass die CG-Pfarrerschaft diese Zusammenarbeit duldete. Ich finde diese Duldung zumindest unsensibel, denn Haverbeck war ja nun eindeutig entlarvt. Das "donnernde Schweigen" (so Hörtreiter) auf die von Haverbeck im Priesterrundbrief zur Nachfolge seiner Arbeit in Vlotho gestellte Frage (warum erlaubte man
    sie?) wurde in der Öffentlichkeit bestimmt nicht gehört.

    Bei www.egoisten.de gibt es übrigens auch ergänzende Informationen zu Haverbeck. Er war noch ein anderer Fall als etwa Benesch
    und m.W. Scaligero, weil er sich auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus noch für dessen Ideologie (wie er sie interpretierte und mit Anthroposophie anreicherte) einsetzte.

    AntwortenLöschen
  11. Es kann doch eigentlich bei diesen Dingen nicht darum gehen, wer sich wann von wem distanziert und wem mit wie viel Brusttönen jegliche Zusammenarbeit verwehrt hat oder wer mit welchem Nachdruck welche Bekenntnisse von sich gegeben hat. Bei jemandem wie Haverbeck geht es ja zunächst um die geistige Auseinandersetzung mit ihm und die ist vielleicht nicht ganz so leicht wie das Schleudern von Bannflüchen und Distanzierungsforderungen. Mir scheint, eine Gesellschaft wie die anthroposophische hat ja nicht den Zweck irgendwelche politischen Gesinnungen zu pflegen oder abzulehnen und sie kann deshalb auch nicht ausschließen (und kann nicht ausschließen wollen) dass Leute aller möglichen politischen Gesinnungen in ihr vertreten sind. Das gilt mutatis mutandis doch auch für die CG. Auch zu Steiners Zeiten haben Gesellschaft und Bewegung ja zweifellos ein Spektrum an Menschen umfasst, das von (damals) weit rechts bis (damals) weit links gereicht hat. Ein Ausschluß scheint doch eigentlich nur gerechtfertigt, wenn jemand die Mitgliedschaft als Vehikel benutzt, um damit etwas ganz Anderes, evtl. auch den Nazismus, zu vertreten. Das mag bei jemandem wie Haverbeck wohl so gewesen sein, aber in jedem Fall ist es immer schwierig, so etwas festzustellen.

    AntwortenLöschen
  12. @Andreas Bracher
    Das sehe ich ebenso. Mir ist diese ganze "Aufklärungsarbeit", bei all ihrer Notwendigkeit, im Laufe der Zeit äußerst suspekt geworden, es gibt m.E. in ihr ein Zuviel an inquisitorischer Selbstgerechtigkeit, fast so als ob man insgeheim ein wenig froh ist, wieder "einen erwischt" zu haben.
    Jetzt müssen also die Pfarrer der CG antreten um zu beweisen, dass sie mit Haverbeck nichts am Hut hatten ("Wo waren sie zu diesem Zeitpunkt, Herr Hörtreiter...?"); auf dass wir (die Guten) ihnen möglicherweise vergeben...meine Güte

    AntwortenLöschen
  13. Hans-Peter Dieckmann17. November 2009 um 16:28

    Hallo Andreas, Du sprichst deutlich an, was in der Auseinandersetzung zu Haverbeck mitschwingt: die Frage nach dem freien Geistesleben in der anthroposophischen Bewegung. Man kann sie allerdings nicht losgelöst von den Rechtsverhältnissen in der BRD und in den vielen anderen Ländern stellen, in denen Anthroposophen aktiv sind. In der BRD z.B. darf man bekanntlich den Nationalsozialismus nicht vertreten, auch nicht - selbst losgelöst von ihm - Holocaust-Verharmlosungen bis -Leugnungen und Rassismus. Nationalsozialismus und Rassismus sind aber auch nicht mit den Statuten der AG zu vereinbaren, so wenig es im Sinne der Anthroposophie ist, politische Verbrechen nicht beim Namen zu nennen. Von daher beantworte ich die Frage nach Ausschlüssen als eine traurige und immer nur letzte Notlösung (der Gespräche vorangehen sollten), die m.E. aber zum Schutz der AG gegeben sein muss. In der CG hält man sich für Pfarrer ja auch eine Amtsenthebung und für Kirchenmitglieder sicherlich eine entsprechende Lösung vor.

    Klar, zu Haverbeck geht es zunächst um die geistige Auseinandersetzung, allerdings einschließlich von Gedanken an ihre praktischen gesellschaftlichen Konsequenzen: denn was wäre die Folge, wenn sich der Nationalsozialismus in der Fassung von Haverbeck durchsetzen würde? Um die geistige Auseinandersetzung mit ihm offen zu leisten, in der CG und der anthroposophischen Bewegung überhaupt, wurde z.B. von Arfst Wagner frühzeitig eine Aufklärung versucht, doch in der CG lange nicht oder nicht genügend weit aufgegriffen. Blattmann bezichtigte ihn dafür sogar der Hexenjagd. Das waren eindeutige Behinderungen des freien Geisteslebens in der CG, die es nach meiner Auffassung auch beispielhaft zu nehmen gilt, um aus ihnen für die ganze anthroposophische Bewegung zu lernen. Hilfreich wäre es hingegen gewesen, die nun auf der Website der Info3 veröffentlichte Arbeit von Wagner zu Haverbeck über die Zeitschrift der CG allen Kirchenmitgliedern zugänglich zu machen. Selbstverständlich hätte man sich dort auch kritisch mit ihr auseinandersetzen können. Und wie sieht es heute mit der Bereitschaft zum freien Geistesleben in der CG aus? Wenn ich die aktuellere Diskussion zur Benesch-Biographie des CG-Pfarrers Schroeder nehme, kann ich in dieser Zeitschrift noch immer keine kritischen Beiträge von Regina Reinsperger zur Biographie finden, die alle nur auf www.egoisten.de zu lesen sind. Woran liegt das nur? Und wie stehst Du dazu? Ich schlage eine Artikelserie in der CG-Zeitschrift mit Regina Reinspergers Beiträgen vor.

    Mir geht es schon darum, wem warum von wem welche Hindernisse im Fall Haverbeck in den Weg gelegt wurden und wer sich warum fördernd verhielt: besonders um einer besseren Gegenwart und Zukunft willen. Während der Tagung, bei anderen anthroposophischen Veranstaltungen, Zeitschriften und Websites wurde und wird ja schon längst etwas von einer offenen Haltung zum Thema "Nationalsozialismus und Anthroposophie" gelebt. Aber es gibt auch noch Nachholbedarf, z.B. in der CG.

    AntwortenLöschen
  14. Hans-Peter Dieckmann17. November 2009 um 21:31

    Hallo Rainer, was sagst Du denn zu den Vertuschungs- und Beschönigungsversuchen, die Aufklärungen erst notwendig machen? Und wo konkret, oder besser noch: bei wem findest Du denn die inquisitorische Selbstgerechtigkeit, bei der obendrein fast sogar eine heimliche Freude bestehen soll, mal wieder etwas aufgedeckt zu haben?

    Nach meinem Eindruck geht es den Aufklärern um bessere Entwicklungsräume, die sich nun einmal nicht nur rein positiv schaffen lassen.

    AntwortenLöschen
  15. Hallo Hans Peter, zu Deinen Detailpunkten kann ich nicht viel sagen. Ich kenne diese Dinge nicht alle. Benesch ist natürlich ein wirklich sehr gewichtiger Fall in unserem Zusammenhang, gerade wegen des außerordentlichen Ansehens, das er offenbar in der CG genossen hat. Grundlage für die Beurteilung muss natürlich zunächst sein Wirken nach 1945, sein Wirken in der CG sein. War das (in einem gewissen Sinne) in einem „Nazi-Geist“ oder war das geläutert und wahrhaft christlich? Und darüber konnte man sich ja eigentlich auch schon Gedanken machen, bevor bekannt wurde, dass er vor 1945 aktiver Nationalsozialist gewesen ist. Es ist ein bisschen seltsam und ein bisschen enttäuschend, dass die selben Leute, die nach Bekanntwerden eines solchen biographischen Elements dann in jedem Mosaiksteinchen des Wirkens eines Menschen den NS zu entdecken glauben, - dass diese gleichen Leute, würde man die Biographie fälschen und ihm eine Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer mit nicht-deutschen Wurzeln andichten (immerhin hat er den gleichen Nachnamen wie jener tschechische Ministerpräsident, der nach 1945 die Vertreibungsdekrete gegen die Deutschen unterzeichnet hat), - dass diese gleichen Leute dann wohl vor eben den Elementen in seinem Werk in Ehrfurcht erstarren würden, die sie jetzt als Male des Abscheulichen brandmarken.
    Aber wie gesagt, ich kenne sein Wirken und Werk zu wenig, um mir da ein Urteil erlauben zu können; und das offenbar absolute Schweigen, das er über diese Vergangenheit gewahrt hat, wirft natürlich schon Fragen auf.
    Ich wollte nur darauf hinweisen, dass mir eine bestimmte Form der Auseinandersetzung nicht sehr produktiv erscheint, weil sie weniger Geist freisetzt, als – da sie mit Einschüchterung operiert – blockiert. Diese Art der Auseinandersetzung ist gewissermaßen eine Form des ‚Kampfes gegen den Geist’. Sie erzeugt ein Klima der Ängstlichkeit und des Opportunismus und nicht geistigen und moralischen Mut.

    AntwortenLöschen
  16. Hallo Andreas und Rainer,
    wie es so geht, habe ich zufällig diese Seite entdeckt und möchte Euch an das große historische Vorbild erinnern, das auch keine Lust hatte, die Wahrheit zu erforschen und sich dem politischen Volksdruck beugte. Im Credo der CG ist dieser Opportunist so erwähnt: "Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten.."
    Viele Grüße, Barbara 1

    AntwortenLöschen
  17. Hans-Peter Dieckmann20. November 2009 um 12:24

    Hallo Andreas, ich kann nur wieder auf die Beiträge zur Benesch-Biographie bei den "Egoisten" hinweisen, an denen ich nichts finde, was Deine (recht spekulativen) Aussagen zu den Anthroposophen bestätigt, die sich kritisch mit der Benesch-Biographie und Schroeders Fassung von ihr befasst haben. Auf mich wirken diese Beiträge aufklärend und damit zur Wahrheit befreiend und ermutigend, worin ich zugleich die Motivation für sie feststelle.

    Zu dem Benesch nach 1945 müssen doch zwei Fragen zugleich von Anfang an leitend sein: 1. ob er sich weiterhin nationalsozialistisch betätigt hat (nein) und 2. warum er seine Nazi-Vergangenheit verschwieg und belegbar (anhand autobiographischer Aufzeichnungen) vor sich selbst schönte. Die Antwort auf die zweite Frage kann nur lauten, Benesch hat die nötige Aufarbeitung nicht genügend geleistet und war deshalb nicht voll geläutert und wahrhaft christlich. In dieser Verfassung war er nicht dazu in der Lage, sich öffentlich als Beispiel für eine Aufarbeitung einzubringen, was hilfreich für die CG und die anthroposophische Bewegung überhaupt gewesen wäre - aber auch ein kleiner Beitrag zum Aufbau der BRD. Der Apostel Paulus hat seine Vergangenheit als Saulus nicht verschwiegen und ist damit das bessere Vorbild.

    AntwortenLöschen
  18. Hans-Peter Dieckmann20. November 2009 um 15:16

    Hallo Rainer, es wäre schön, wenn Du noch auf meine Fragen vom 17.11. antworten würdest.

    AntwortenLöschen