Samstag, 21. November 2009

Das Richtige aus Eigenem finden?


"Nicht darauf kommt es an, dass ich etwas anderes meine als der andere, sondern darauf, dass der andere, das Richtige aus Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage."
Das Gefühl Recht zu haben und Recht behalten zu wollen, kennt jeder. Jemanden zu überzeugen oder mit "schlagenden" Argumenten zu bedenken, gibt eine gewisse Befriedigung. Unsere ganze Kultur, die gesamte politische Sphäre ist davon aufs Peinlichste geprägt. Sie hat einen Kampfcharakter. 
Mir ist der Gedanke - obgleich zuerst sehr ungewohnt - ausgesprochen sympatisch und angenehm, andere nicht überreden, überzeugen, in mein Boot zerren zu müssen. Diese Haltung kann Gespräche so herrlich entspannen und lockern. Es fördert die Gelassenheit, wenn man sich sagt: "Ich sollte meinen Gesprächspartner gar nicht ändern WOLLEN".
Den zweiten Teil des Steinerschen Satzes finde ich etwas brisant. Es kann doch wohl nicht gemeint sein, dass A sich strategisch Dinge überlegt, die er beitragen kann um B dazu zu bringen etwas "Richtiges aus Eigenem" zu finden, das A schon kennt und nur herauskitzeln möchte !? Das geht vielleicht bei Kindern. Aber im Bezug auf Erwachsene wäre diese Haltung doch  pädagogisch und damit unstatthaft!? Welche Art des eigenen Beitragens kann gemeint sein? Doch wohl nur die, dass ich durch mein ehrliches, authentisches Sein in irgendeiner Schicht auf den anderen wirke?! 

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Kommentare:

  1. Liebe Ruth, ich stimme Dir zu: Wenn man sich strategisch etwas überlegt, damit man bei dem anderen etwas (und sei es auch sein eigenstes) wachruft, bekommt so eine Sache einen unangenehmen pädagogisch-herablassenden Beigeschmack. Ich glaube, dass es Steiner auch mehr um die Authentizität, verbunden mit einer emphatischen Haltung, ging.

    Das "recht-haben-wollen" innerhalb von Diskussionen ist m.E. immer eine sehr unschöne Nebenwirkung in einem großen Teil unser Gesprächskultur. Gerade Menschen, die sich auf ihre "Sachlichkeit" und "Objektivität" berufen, übersehen fast immer das eigene Identifiziert-sein mit einem Gedanken, einem Gefühl, einer Haltung. Nach meinen Beobachtungen bei mir selbst und bei anderen, entsteht im Laufe der Zeit etwas, was man im anthroposophischen Sinne wahrscheinlich durchaus als "Doppelgängerphänomen" charakterisieren könnte (Eckhart Tolle nennt so etwas übrigends den "Schmerzkörper"), es bildet sich eine bestimmte Form des Ego, eine Art "intellektuelles Ich" im Laufe der Zeit heraus: Wenn die Identifikation mit dem Gedanken und dem damit verbundenen Gefühl so stark wird, dass ich kaum noch anders kann, als meine Idee nur noch durchzusetzen, egal, ob mein Gegenüber, meine Umwelt mir überhaupt noch zuhört - es geht schließlich um "die Wahrheit", der Zweck heiligt die Mittel.
    Ansatzweise kennt das wohl jeder ein bisschen von sich selbst, es gibt da zweifellos zahlreiche Grauzonen und auch viele Berührungspunkte hin zum Pathologischen. Es ist nur immer schade, dass die ursprüngliche Sache um die es geht unter solcher Rechthaberei und unter den anstrengenden Ego-Spielchen verloren geht.

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  2. Hans-Peter Dieckmann22. November 2009 um 10:18

    Hallo Ruth, es gibt auch Leute, die an einer positiven Streitkultur interessiert sind und sich in ihr üben. Zu ihr gehört natürlich eine Orientierung auf Sachlichkeit und Fairness, aber auch Engagement bei der Kritik und beim Einsatz für selbst gewählte Ziele. Diskussionen, Demonstrationen, Streiks gehören u.a. zu dieser Kultur, die in vielen Staaten immer noch verboten ist. Ihre Befürworter wollen sie als Rahmenbedingung, damit sie frei Überzeugungsarbeit leisten können. Und die bedeutet natürlich immer, dass man ein Stück weit Menschen ändern will: den schlecht bezahlenden Arbeitgeber, den Umweltverschmutzer, den unverantwortlich spekulierenden Bank-Manager. Die Überzeugungsarbeit will Menschen zum Erkennen und damit zu dem Eigenen anregen, das sie befähigt, auch ganz selbst das Richtige zu finden. Überredungsversuche und Versuche, "in das eigene Boot zu zerren" verlaufen dagegen auf der Schiene Manipulation.

    Sich im Gespräch z.B. mit einem Rassisten zu sagen "Ich soll meinen Gesprächspartner nicht ändern wollen" finde ich sehr bedenklich. Ich sehe mich da in der Verantwortung für meine Mitmenschen.

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  3. Hallo Hans Peter, mit einem überzeugten Rassisten oder Antisemiten in ein Gespräch kommen zu wollen kann ich mir gerade mal unter dem Aspekt vorstellen, dass es mir darum gehen kann, herauszufinden, wie so ein Mensch tickt. Solche Menschen lassen sich garantiert nicht durch ein Gespräch ändern und auch durch keine "positive Streitkultur" (m.E. übrigends ein euphemistischer Ausdruck par excellence); im Gegenteil, meist wird ein solches Gespräch (sofern es öffentlich ist) dann bloß als Forum benutzt, um die eigenen dummen Ideen zu verbreiten (Siehe z.B. die unselige Ravagli/Molau "Affäre").
    Oder hast Du die Erfahrung machen können, durch ein Gespräch einen Rassisten oder Holocaust-Leugner geändert zu haben? Eine wirkliche (nicht nur rhetorische) Änderung des Denkens findet bei solchen Menschen, wenn überhaupt, am ehesten in einer Knasttherapie statt (z.B. Täter/Opfer Ausgleich).

    Dass Demonstrationen, Streiks usw. ihre Berechtigung ebenso haben wie ein persönlicher Einsatz für ein selbstgewähltes Ziel bestreitet niemand, in dem Artikel von Ruth ging es aber vor allem um das in vielen Gesprächen zumeist unbewusst verlaufende Element des "Recht-haben wollens", des Überredens. Kennst Du so etwas?

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  4. Hallo Hans-Peter,
    natürlich ist es wünschenswert, in einem Gespräch dabei helfen zu können, einen Rassisten von seinem Weg abzubringen! Es wäre albern generell gegen vernünftiges Argumentieren zu sein. Ich glaube aber, dass die Ebene der Vernunftgedanken eine recht dünne und abgestorbene ist, durch die hindurch man wiederum nur eine Oberfläche erreicht. Es ist doch auch im Alltag immer wieder spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Überzeugungen von Menschen sein können, bei einem anzunehmenden annähernd übereinstimmenden Wissensstand! Daran schließt sich doch dann die Frage, was sind eigentlich die echten, wirklichen Beweggründe für Überzeugungen? Die liegen meines Erachtens tiefer als das alltägliche Denken, nämlich in einer seelisch-geistigen Kraftsphäre, die die Psyche viel stärker konfiguriert als der Intellekt.
    Für mich folgt dann daraus wiederum die Frage, wie viel Energie möchte ich aufs vernünftige Argumentieren verwenden (eine eher antipatische Geste) und wie viel Kraft möchte ich unter Umständen aufwenden um beispielsweise postitive Gedanken für jemanden in die Welt zu schicken, oder ähnliches (eine eher sympathische Geste), die vielleicht auch etwas oder sogar mehr bewirkt. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass ständig hier sitze und Positivitätsübungen im Hinblick auf Rassisten mache. Ich wollte damit nur eine innere Haltung charakterisieren, die man üben könnte, wenn man möchte und wenn man von einer gewissen Relativität von Argumentationsbemühungen ausgeht.

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  5. Hans-Peter Dieckmann23. November 2009 um 00:19

    Hallo Rainer, in Ruths Artikel heißt es doch eindeutig: "Unsere ganze Kultur, die gesamte politische Sphäre ist davon aufs Peinlichste geprägt. Sie hat einen Kampfcharakter." Nach Ruth wegen des Gefühls Recht zu haben und Recht behalten zu wollen, um aus dieser Haltung Andersdenkende zu überzeugen und mit schlagenden Argumenten zu belegen, was von ihr scharf (siehe das Zitat) verurteilt wird. Auf diese sehr einseitige Verurteilung habe ich mit einem Hinweis auf die positive Streitkultur in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft geantwortet, weil Ruth den gesellschaftlichen Bezug selber hergestellt hat.

    Einen Rassisten zu überzeugen, ist natürlich schwer. Bewusst vorgenommene Veränderungen von Überzeugungen habe ich aber im Rahmen der positiven Streitkultur erlebt, an der Fanatiker natürlich nicht interessiert sind. Diese Kultur
    öffnet für argumentative und faire Auseinandersetzungen, weshalb man sie nicht abwerten sollte. Mit dem Rassisten wollte ich noch an einem besonders krassen Beispiel deutlich machen, dass ich Ruths "Ich sollte meinen Gesprächspartner nicht ändern wollen" auf keinen Fall verallgemeinert wissen will. Und bedenke: Bei Gesprächen geht es unter Umständen nicht nur um das Überzeugen; selbst allein einen Standpunkt zu demonstrieren kann schon sehr wertvoll sein!

    Zwischen Recht haben wollen und Recht haben wollen, Rainer, bestehen große Unterschiede: sie ergeben sich daraus, ob und wenn inwieweit man Recht hat. Wenn man Recht hat, warum sollte man
    nicht dazu stehen? Ruth berücksichtigt diese Unterschiede in ihrem Artikel leider nicht. Nach meiner Erfahrung erfassen wir Menschen oft nur Teilwahrheiten und sind deshalb ergänzungsbedürftig. Dies nicht nur zu wissen, sondern auch zu beherzigen, gibt Beweglichkeit beim Erkennen und für das Soziale.

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  6. Hans-Peter Dieckmann23. November 2009 um 00:46

    Hallo Ruth, es entspricht geradezu meiner Beobachtung, auch an mir, dass Überzeugungen nicht nur aus Vernunftgründen bewusst gebildet werden, sondern auch irrational und überrational. Nach meiner Beobachtung ist die Vernunftebene bei vielen Menschen allerdings wirksamer als Du annimmst, wobei sie durchaus ein wenig läuternd auf Emotionen wirkt. Deshalb setze ich mehr als Du auf das sachliche und faire Argumentieren, in der das aggressíve Kämpfen schon eine erste Umwandlung erfährt. Aber es genügt mir nicht, gerade weil ich in Deinem Hinweis auf die seelisch-geistige Kraftsphäre in (und um!) uns nur zu Treffendes sehe. Du weißt doch, wie sehr ich auf das Meditieren setze: denn erst der bewusste Aufstieg ins Überrationale führt zu den erlebten Einsichten, die - entsprechend ihrer Höhe - wirksam tief ins Irrationale läuternd wirken! Aber nicht jedem Menschen liegt das Meditieren, nur: es gibt ja auch andere Wege, die nötigen meditativen Verfassungen - und sei es kurz aufblitzend - zu erreichen: das echte Gebet, das Miterleben des Kultus z.B. der CG gehören zu ihnen. Das positive Denken als eine Lebenshaltung bestimmt ebenfalls, vorausgesetzt es artet nicht in Schönfärberei aus und am besten in Verbindung mit den anderen Nebenübungen des anthroposophischen Schulungsweges, die es abrunden und sich alle gegenseitig stützen.

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  7. @ Hans Peter
    "Wenn man Recht hat, warum sollte man nicht dazu stehen?" Es ist sinnvoll, zu seinem "Recht-haben" zu stehen, wenn mein Gegenüber z.B. behauptet, 2 mal 2 ist 5, oder wenn sich das Recht-haben auf juristische Fragen beschränkt. Das Recht-haben wird aber spätestens im Geistesleben zur Karikatur; wenn jemand meint, bezüglich seiner spirituellen oder sonstigen (scheinbar überlegenen) Weltanschauung im Recht zu sein und aus diesem (in meinen Augen sehr fragwürdigen) Gefühl oder aus dieser Haltung heraus sein Gegenüber von der "Wahrheit" überzeugen will, dann zeigt dieser Mensch eben, dass er vom freien Geistesleben bestenfalls gelesen hat. Im Grunde eine zutiefst jesuitische Grundeinstellung.

    Sehr amüsant und für mich immer wieder staunenswert ist der Umstand, dass nur die jeweils Betroffenen "erkennen" dass sie im Recht sind und das immer nur für sich, wie in einem Monolog, bestätigen.

    "sachliches und faires argumentieren..., positive Streitkultur..." ja, Hans Peter, das sind bedeutende und auch schöne Worte, aber so ähnlich spricht man eben auch auf dem evangelischen Kirchentag.

    Kennst Du noch den Titel des 2 Buches von Kühlewind? "Die Wahrheit tun". Darum geht es, nicht darum, meinen Nachbarn von Reinkarnation und Karma zu überzeugen und seine Seele daraufhin gerettet und ich im Recht bin.

    Wie sagte Bernhard Schlink in seinem Buch "Der Vorleser": "Weil die Wahrheit dessen was man redet, das ist was man tut, kann man das Reden auch lassen."

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  8. Hans-Peter Dieckmann23. November 2009 um 12:45

    Aha Rainer, es gibt Deiner Meinung nach also keine Wahrheiten im Geistesleben. Und trotzdem geht es nach Dir darum, die Wahrheit zu tun. Bemerkenswert! Du stellst Deine Meinung aber ohne Begründung dar: als pure Behauptung. Soll ich nun an sie glauben, oder willst Du noch nachträglich Argumente liefern?

    Um Dir zu helfen, aus Eigenem das Richtige zu finden, ein paar Fragen: Meinst Du, der Absolutheitsanspruch vieler Materialisten bestehe objektiv begründet? Meinst Du, dass jede Form von Spiritualität heute noch zeitgemäß ist? Hast Du schon mal Diktaturen mit demokratischen Gesellschaftsformen verglichen? Da Du die Dreigliederung kaum kennst, spare ich sie hier aus. Und meinst Du auch noch nach tieferem Überlegen, der Einsatz für die ganzheitliche Anthroposophie und für offene Gesellschaftsformen entspringe einer jesuitischen Grundeinstellung?

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  9. @ Hans Peter
    Wenn ich davon spreche, dass es keine Wahrheiten im Geistesleben geben würde, meine ich damit vor allem "Wahrheiten" aus Büchern (GA), die man gelesen hat und auf die man sich beruft als würden sie unabhängig von mir bestehen. "Die Wahrheit tun" heisst ganz einfach in diesem Sinne, dass ich mich auf keine schriftlich fixierte (anthroposophische, christliche oder sonstige) Weltanschauung, Philosophie, usw. berufen kann, sondern dass ich sie zu leben habe mit meinem ganzen Sein - sonst ist sie nicht da.

    Na gut, es mag ja auch eine "Wahrheit" geben über die man munter drauflos diskutieren kann, die man meint verteidigen zu müssen, aber so eine Wahrheit finde ich persönlich reichlich uninteressant.

    Es ist sehr nett und selbstlos von Dir, dass Du mir helfen willst, "aus Eigenem das Richtige zu finden", aber so richtig verstehe ich Deine Fragen, bzw. die damit verbundene pädagogische Intention nicht.

    Bei jeder Form des Recht-haben-wollens besteht ein Gefühl, welches das gedankliche Element des Recht-habens begleitet, eine Art Selbstgefühl, mit dem sich die meisten Menschen in einer Debatte vollständig identifizieren. Ich glaube, dass gerade Menschen, die viel von sich behaupten, recht zu haben, dieses Gefühl anscheinend mehr benötigen als andere. Dieses Gefühl ist letztendlich aber nicht mehr als ein Surrogat, ein schwaches Abbild eines wirklichen Selbstbewusstseins. Auch wenn jemand meint, "sachlich" und "objektiv" zu urteilen, es ist fast immer das entsprechende Selbstgefühl um das es eigentlich geht (darum kann ich bestimmte Debatten nie ganz ernst nehmen).

    In Steiners "Philosophie der Freiheit" ist ein einziger Satz kursiv gedruckt: "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständniss des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen". Darum geht es doch: dass ich den Anderen leben lasse, wie er/sie will und weil ich verstehe, dass er/sie etwas anderes als ich will und das eben beides da sein darf.

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  10. @ Hans Peter, jetzt fiel mir eben ein, was Du mit den Fragen gemeint haben könntest. Aber das ist es ja: Die Beantwortung dieser Fragen zielt in den Bereich der Meinungen und der Diskurse. Mit "Wahrheit" hat das nicht viel zu tun, mehr darum, wer welche Bücher gelesen hat, bzw. auf welche Begrifflichkeiten und Werte man sich einigt.

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  11. "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens..."
    Das 20. Jahrhundert hat uns aber gezeigt, dass das nur geht, wenn der Andere keine mörderische Ideologie im Kopf hat. Ich denke da an die NS-Zeit oder die heutigen Selbstmordattentäter, deren Fanatismus von ihnen selbst als Idealismus erlebt wird. Auch die uralte Frage, ob ein Tyrannenmord berechtigt ist, stellt sich wieder neu oder, ob es berechtigte Kriege gibt. Was z.B. hätten wir in Europa gemacht, wenn die USA nicht in den 2. Weltkrieg eingeriffen hätten?
    Das reale Leben ist ungeheuer komplex,und
    ich denke, dass wir ganz elementar wieder lernen müssen, das Leben und die Unversehrtheit des anderen Menschen zu schützen und zu achten, auch eine Form des "Ecce Homo". Nur unter dieser Prämisse kann dann auch Steiners Satz gelten.
    Barbara 1

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  12. Hans-Peter Dieckmann24. November 2009 um 16:34

    Hallo Rainer, eine Begründung für Deine weltanschauliche Beliebigkeit hast Du noch nicht gegeben. Du meintest sinngemäß: Wenn jemand bezüglich seiner spirituellen oder sonstigen (scheinbar überlegenen) Weltanschauung im Recht zu sein meint und aus dieser Haltung heraus sein Gegenüber von dieser "Wahrheit" überzeugen will, dann ist das im Grunde genommen eine zutiefst jesuitische Einstellung. - Mit meinen Fragen wollte ich Dich zum Überdenken dieses Urteils anregen. Es ist doch leicht festzustellen, dass alle Menschen (und die Welt) durch den Materialismus nicht erschöpfend erfasst werden, sondern dass sie auch eine spirituelle Seite haben. Und natürlich ist nicht mehr jede Form von Spiritualität zeitgemäß, so viel man von ihren (in einigen nicht-westlichen Kulturen
    eher noch gültigen) alten Fassungen heute
    lernen kann. Leicht einsehbar ist auch, dass es in Demokratien viel bessere Entwicklungsmöglichkeiten als in Diktaturen gibt. Und das Eintreten für moderne ganzheitliche Weltanschauungen hat nichts mit einer jesuitischen Verfassung zu tun.

    Außerdem: Wenn man sich für die eigene Weltanschauungsbildung Bücher wirklich erarbeitet, dann verinnerlicht man etwas und beginnt das Angenommene zu leben, was Du unberücksichtigt lässt. Ich schreibe das als ein Vertreter des möglichst weitgehend eigenständigen Erkennens im Wissen, dass ich selber niemals so viel wie unter Einbeziehung von Büchern (und anderen fremden Quellen) ergründen könnte. In Deinen Diskussionsbeiträgen entdecke ich übrigens viel von Eckhart Tolle.

    Bei Kühlewinds "Die Wahrheit tun" ist die Wahrheit meditativ individualisiert, nicht subjektiv verfärbt und schon gar nicht eine bloß subjektive Auffassung. Und Steiner hat mit "Leben in der Liebe zum Handeln ..." keinen Freibrief für z.B. Diebe und Mörder ausgestellt.

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  13. Sowenig wie dieser Steinersche Satz als ein Freibrief für Mörder gedacht ist, sowenig kann man - glaube ich - davon ausgehen, dass die Tat eines Mörders eine ist, die er WIRKLICH will. Es geht in der Philosophie der Freiheit ja gerade darum, sich der Sphäre des freien Willens anzunähern, die nicht so ohne weiteres offenliegt. Genauso wie es eine Wahrheitssphäre gibt, die nicht so ohne weiteres offenliegt. Das soll überhaupt nicht heißen, dass man nicht Partei ergreifen soll, oder Zivilcourage zeigen.

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  14. Liebe Barbara, schön, Dich hier bei Ruth begrüßen zu können. Du hast schon recht, dass reale Leben ist ungeheuer komplex und allmählich auch dieses Thema, darum wird mir das z.Zt. alles ein bisschen zu viel. Liebe Grüße

    Hallo Hans Peter, wir reden - mal wieder - entschlossen und zielsicher aneinander vorbei, es sind im Grunde zwei völlig verschiedene Themen, die wir beiden Hübschen hier miteinander bewegen. Es geht mir eigentlich nicht um "Weltanschauungsbildung", auch nicht um die Fragen nach der Demokratie oder der Einseitigkeit des Materialismus. Einen "Freibrief für Diebe und Mörder" ausstellen, liegt mir eigentlich auch fern.

    Es geht mir um den schlichten Umstand, dass in jeder Urteilsbildung, vor allem aber in jedem "recht-haben", ein verborgenes Gefühlselement darinnen steckt, welches zumeist nicht erkannt wird, welches aber eine entscheidende Rolle für fast jede (weltanschauliche) Debatte spielt. Auch "das Eintreten für moderne ganzheitliche Weltanschauungen" kann, wenn diese Identifikation mit dem Gefühl unerkannt bleibt, in eine anstrengende Rechthaberei ausarten - wenn das denn immer mehr zu einer Charaktereigenschaft wird, kann man m.E. von einer jesuitischen Haltung sprechen.

    Da ich halb amüsiert, halb erschrocken feststelle, dass ich mich ja eigentlich selbst gerade in solch einer Debatte befinde und da ich diese, ähnlich wie weiter oben, Herr Hörtreiter, nicht nur als ausufernd, sondern allmählich auch als unfruchtbar und leicht sinnlos erlebe, verabschiede ich mich erst einmal aus diesem Blog (sonst sitzen wir hier noch bis Heiligabend).

    Wie sagte einer der geistigen Väter der Anthroposophie, Goethe: "Was fruchtbar ist, allein ist wahr"

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  15. Liebe Ruth,
    "ein Freibrief für Mörder" trifft es nicht, Du siehst nur die individuelle Tat des "klassischen Mordes". Wir haben es aber seit Auschwitz mit einer anderen Dimension des Bösen zu tun, und die freie Entscheidung des Menschen dazu ist auch eine Realität. Die Rasse-Ideologen der NS-Zeit z.B. sahen ihre Taten aus freien Stücken als zwingend notwendig zur Reinhaltung und Erhaltung des eigenen Volkes an und hatten keinerlei Unrechtsbewußtsein, das trifft gerade auch für die Schreibtischtäter zu. Deshalb meine Einschränkung: ich kann alle Meinungen gelten lassen, sofern das Menschsein und Dasein jedes Mitmenschen als Grundlage respektiert wird. Das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich. Erst auf dieser Grundlage kann ich im Sinne Rudolf Steiners und Deines o.a. Artikels handeln, andernfalls bin ich aufgerufen, wie auch immer, Menschenleben zu schützen.
    Barbara 1

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  16. Liebe Barbara1,
    ja, mit der Grundlage, die Du ansprichst stimm ich völlig überein. Ich verstehe eben Steiner so, dass das was er mit Freiheit meint oder Dingen, die aus Liebe zur Tat geschehen, generell immer diese menschenfreundliche Grundlage haben.
    Es geht meines Erachtens auch in obigem Zitat nicht darum alle denkbaren Meinungen gelten zu lassen, sondern die Relativität von Meinungen zu erkennen - und immer bemüht zu sein unsere Erkenntnis und unseren Handlungswillen aus Höherem zu schöpfen.
    Übrigens auch von meiner Seite nochmal ein Herzliches Willkommen !!

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  17. Hans-Peter Dieckmann25. November 2009 um 14:40

    Hallo Rainer, ich habe mich keineswegs an Dir vorbei geäußert. Du hast die Weltanschauungsfrage doch selbst zur Rechthaberei in Beziehung gesetzt, was ja auch zur Komplexität des Themas gehört.

    Zum Gefühlselement bei Urteilsbildungen: Es ist wichtig, was für Gefühle es sind, die bei ihr anwesend wirken und hilfreich zu wissen, wodurch sie hergerufen werden. Fixierende oder gar fanatische Gefühle entstehen nämlich nicht zuletzt durch ein enges Denken. Hast Du schon mal versucht, Deine Gefühle fühlend zu verwandeln? Um unreife Gefühle bewusst anzuheben und neue reife hervorzurufen, musst Du vom (am besten meditativen) Denken ausgehen, denn das kannst Du unmittelbar verändern. Außerdem gibt es verschiedene Gefühle bei Urteilsbildungen, auch fördernde wie z.B. das Wahrheits- und Rechtsempfinden, auch das Mitfühlen und das ästhetische Fühlen. Sie gehören dazu, um Klarheit bei der Unterscheidung von Rechthaberei und dem Rechthaben zu gewinnen.

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  18. Hans-Peter Dieckmann25. November 2009 um 21:18

    Noch mal zum Fühlen: So klar es ist, dass wir nicht bewusst gewollt fühlend Gefühle herrufen können wie denkend Gedanken und über Gedanken Gefühle, ein spontan auftretendes erkennendes Fühlen (z.B. Wahrheitsempfinden) kann auch mal das Denken leiten. Denkend kann sogar die Entscheidung gefällt werden, einem erkennenden Fühlen Raum zu geben und es zu betätigen (während es gewöhnlich nur spontan auftritt), womit im Ansatz für das Fühlen geschaffen wird, was wir denkend bereits leisten können. Das Fühlen sagt dann: es stimmt, es ist falsch, echt, ehrlich, schön, usw. Über dieses Fühlen werden auch die persönlichen Gefühlsreaktionen auf der Skala Sympathie-Antipathie neu angeregt.

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