Montag, 31. Mai 2010

Philosophie der Freiheit - Kapitel 4

Zu Beginn des vierten Kapitels präzisiert Steiner den Begriff des Denkens:
Das Denken ruht in sich selbst und hat eine durch nichts bestimmte Natur – anders als die Begriffe, die durch das Denken erst entstehen. Begriffe, Begriffsysteme und Ideen entstehen beispielsweise beim Beobachten eines Baumes durch das Denken, indem zur Beobachtung des Baumes der Begriff als ideelles Gegenstück hinzutritt. Beim Betrachten des Baumes kommt mir der Begriff des Baumes.
Begriffe werden zur Beobachtung hinzugefügt. Verschwindet der Baum aus dem Gesichtsfeld, bleibt das ideelle Gegenstück, der Begriff erhalten.
Erkennen wir beispielsweise ein Geräusch als die Ursache von etwas, haben wir schon einen Denk-, einen Begriffsprozess gegenüber einer Beobachtung vollzogen. „Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschließen.“

Nun wendet sich die Betrachtung dem menschlichen Bewusstsein zu: Im Bewusstsein begegnen sich Begriff und Beobachtung, und werden miteinander verbunden. Das Bewusstsein schafft also Begegnung und Vermittlung. Beobachtete Gegenstände erscheinen dem Bewusstsein als gegeben, sie treten einfach auf, das Bewusstsein ist gewissermaßen passiver Schauplatz; im Denken aber erlebt sich das Bewusstsein als aktiv. Der Mensch „betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt. Weil er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er Bewusstsein von den Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er Bewusstsein seiner selbst oder Selbstbewusstsein. Das menschliche Bewusstsein muss notwendig zugleich Selbstbewusstsein sein, weil es denkendes Bewusstsein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.
Nun darf aber nicht übersehen werden, dass wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefasst werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, dass mein individuelles Subjekt denkt, dieses lebt vielmehr von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.“ S. 60 

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