Montag, 7. Juni 2010

Philosophie der Freiheit - Kapitel 4 - Die Wahrnehmung

Als „naiven Realismus“ bezeichnet Steiner die Ansicht, dass unsere Wahrnehmungen eins zu eins mit dem übereinstimmen, was „außen“ auch vorhanden sei - der „naive Mensch“ betrachtet seine Wahrnehmungen als objektiv gegeben.
Nun ist es ja aber so, dass das, was wir als Ton, Schall wahrnehmen, in der Außenwelt als physikalische Schwingung gemessen werden kann. Die Schwingung selbst ist aber nicht das, was wir als Erlebnis in uns vorfinden, wenn wir einen Ton hören. Es gibt Menschen, die farbenblind sind. Diese haben ganz andere Wahrnehmungsbilder als gesund sehende Menschen.
Diese beiden Beispiele zeigen, dass unsere Wahrnehmungsbilder zunächst subjektiv sind. Das heißt, sie sind abhängig von unserem Organismus, von der Organisation unserer Sinnesorgane und haben nicht etwa einen rein objektiven Charakter. Wenn ich mich von einem gesehenen Baum abwende, gibt es für mich nur noch die Vorstellung, die Erinnerung an ihn.
In der Philosophiegeschichte hat diese Feststellung zu der Annahme geführt, dass wir über die die Wahrnehmungen veranlassenden Dinge an sich nichts unmittelbar erfahren können.
Eine noch weitergehende Ansicht meint sogar, dass es konsequent gedacht gar nichts Objektives gäbe, was den Wahrnehmungen zu Grunde liegt. Man kam auf die Idee, dass der Ton abgesehen vom Akt des Wahrgenommenwerdens kein eigenes Dasein, keine eigene Existenz habe. Denn alles, was wir als Erkenntnisgegenstand haben, sei die Veränderung, die Modifikation, unseres Organismus, z.B. der Reiz unserer Haut beim Tasterleben. „Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr übrig.“ Unsere Sinne können uns nur das überliefern, „was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt. Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.“ Diese Schlussfolgerung bezeichnet Steiner als eine Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand.
Er zeichnet im vierten Kapitel den Gedankengang dieser Theoretiker mehrfach nach: In der Seele erscheint durch die Wahrnehmung eines roten Körpers die Farbe rot. Im Auge ist aber beim Sehen kein Rot zu finden, sondern nur ein chemischer oder physikalischer Vorgang. Dieser wird durch den Nerv zum Gehirn geleitet, auch dort findet man nicht die Farbe, sondern nur Hirnprozesse, die bewirken, dass wir in der Seele einen roten Körper erleben. Wo der „naive Mensch“ also draußen im Raum einen roten Körper vorhanden meint, wird hier nur ein Erzeugnis der Seele gesehen.
Steiner weist diesen Theoretikern, die er kritische Idealisten nennt, nun einen Denkfehler nach: Wer davon ausgeht, das die äußere Wahrnehmung, z.B. eines Tisches keinen objektiven Bestand habe, da sie nur eine Modifikation des seelischen Zustandes sei, der muss diese Idee auf alle Wahrnehmungen gleichermaßen übertragen. Dies konsequent vollzogen hieße aber, dass auch das wahrnehmende Auge, das hörende Ohr keine einfach gegebenen Gegenstände sind, sondern ebenso nur subjektive Vorstellungen. „Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe hervor.“
Der Fehler des kritischen Idealismus besteht also darin, dass er einerseits bestreitet, Gegenstände könnten ein naiv wahr genommenes äußeres Dasein besitzen, andererseits den Sinnesorganen aber genau solch eine äußere Existenz zuspricht. Der kritische Idealismus macht eine Anleihe beim naiven Realismus, den er doch eigentlich zu überwinden meint. „Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als objektiv existierend annimmt.“ Wäre er konsequent müsste er auch seine subjektive Organisation als „bloßen Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken“.

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