Mittwoch, 3. März 2010

Artikel 9 zur "Philosophie der Freiheit"

Im dritten Kapitel beginnt Steiner das Verhältnis von Beobachtung und Denken zu beschreiben: Unseren Beobachtungsgegenständen fügen wir denkend Begriffe hinzu, um Zusammenhänge herzustellen, oder - einfacher ausgedrückt - um Zusammenhänge zu verstehen. Bei diesem Vorgang ist die Beobachtung das uns Gegebene, sie kommt quasi „von Außen“ an uns heran, ohne das wir aktiv werden müssen. (Natürlich ist die Bezeichnung „von Außen“ insofern falsch, als dass auch Empfindungen, Phantasiegebilde, Vorstellungen... die ja von innen aufsteigen, zur Beobachtung zählen. Die Bezeichnung will nur verdeutlichen, dass etwas wie an einen Innenraum herantritt.)  Das Denken dagegen entspringt unserer eigenen Tätigkeit, ist unser Eigenstes. Das Verhältnis von Beobachtung und Denken ist eine „Urzweiheit“.

Vielleicht macht es Sinn Steiners Beschreibungen, des Denkens einmal nebeneinander zu stellen, und zwar im Hinblick auf das, was uns auf den ersten Blick als widersprüchlich erscheinen muss:

- Das Denken hat den Zweck Begriffe zu bilden und zu verbinden.
- Das Denken ist von mir abhängig, ohne mein Zutun kann es sich nicht abspielen.
- Indem ich denke, füge ich einem Vorgang, der sich ohne mich abspielt, einen zweiten hinzu.
- Den Gegenständen sind die Begriffe nicht mitgegeben.
- Wir fühlen uns fortwährend gezwungen, zu gegebenen Vorgängen, Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen.
- Das Denken kann sich mit der Beobachtung verbinden.
- Beobachtung und Denken sind Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen – und der Urgegensatz.
- ABER: Wir lernen das Denken durch Beobachtung kennen, das Denken kann ein Beobachtungsgegenstand werden, wie andere Gegenstände auch.
- ABER: Die Beobachtung des Denkens ist  eine Art Ausnahmezustand, denn ich kann das Denken nie beobachten, während es sich gerade vollzieht, während es auf einen Denkgegenstand gerichtet ist, und das ich es immer.
- Der Denkende vergisst das Denken, während er es ausübt, das Denken ist das unbeobachtete Element unseres Geisteslebens.
- Warum ist das so? Warum bildet das Denken eine Ausnahme? Weil es auf unserer eigenen Tätigkeit beruht, weil wir es selbst hervorbringen. Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten, wohl aber vergangene Denkprozesse. Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen.
- ABER:... 
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