Montag, 27. Oktober 2014

An der Schwelle - das ICH ablegen.

"Man sagt zu sich selber: du hast nach deiner menschlichen Wesenheit die Dinge und Vorgänge der Welt betrachtet und über sie geurteilt. Versuche dir einmal vorzustellen, du könntest sie nicht so betrachten, nicht so über sie urteilen. Dann wärest du überhaupt nicht das, was du bist. Du hättest keine inneren Erlebnisse. Du selbst wärest ein Nichts. So zu sich sagen, muß nicht etwa nur der Mensch, der im Alltagsleben drinnen steht, und sich nur selten einmal Vorstellungen über die Welt und das Leben macht. So muß jeder Wissenschafter, jeder Philosoph sagen. Denn auch Philosophie ist nur eine Beobachtung und Beurteilung der Welt nach Maßgabe der Eigenschaften des menschlichen Seelenlebens. Eine solche Beurteilung kann aber mit der übersinnlichen Außenwelt nicht zusammenfließen. Sie wird von derselben zurückgewiesen. Damit wird aber alles zurückgewiesen, was man bisher gewesen ist. Man sieht auf seine ganze Seele, auf sein «Ich» als auf etwas zurück, was man ablegen muß, wenn man die übersinnliche Welt betreten will. - Nun kann aber die Seele gar nicht anders, als dieses «Ich» für ihre eigentliche Wesenheit halten, bevor sie die übersinnliche Welt betritt. Sie muß in ihr die wahre menschliche Wesenheit sehen. Sie muß sich sagen: durch dieses mein Ich muß ich mir Vorstellungen über die Welt machen; dieses mein Ich darf ich nicht verlieren, wenn ich mich nicht als Wesenheit selbst verloren geben will. Der stärkste Trieb ist in ihr, das Ich sich überall zu wahren, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren. Was so die Seele im gewöhnlichen Leben berechtigt empfinden muß, das darf sie nicht mehr empfinden, sobald sie in die übersinnliche Außenwelt eintritt. Sie muß da eine Schwelle überschreiten, an der sie nicht den einen oder anderen wertvollen Besitz nur, an welcher sie das zurücklassen muß, was sie sich bisher selbst war. Sie muß sich sagen können, was dir bisher als deine stärkste Wahrheit zu gelten hatte, das muß nun jenseits der Schwelle zur übersinnlichen Welt dir als der stärkste Irrtum erscheinen können. 
Gegenüber einer solchen Forderung kann die Seele zurückschaudern. Sie kann, was sie zu tun hätte, so stark als ein Hingeben, eine Nichtigkeitserklärung der eigenen Wesenheit empfinden, daß sie an der bezeichneten Schwelle sich mehr oder weniger die eigne Ohnmacht eingesteht, der Forderung zu genügen."

 Aus: Rudolf Steiner: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen, vierte Meditation. 

Kommentare:

  1. "Sie kann, was sie zu tun hätte, so stark als ein Hingeben, eine Nichtigkeitserklärung der eigenen Wesenheit empfinden..."

    Hallo Ruth, das ist tatsächlich eine interessante Stelle bei Steiner, hört sich wirklich ein wenig nach einem moderneren Advaita-Lehrer an. Der Aspekt des "Auflösung des Ich" (auch der Vergleich dieses Aspektes innerhalb veschiedener Strömungen) ist m.E. grundsätzlich schwer zu fassen, wenn man da noch nicht ganz durchgegangen ist - geht mir jedenfalls so, ich kann es, trotz langjähriger Beschäftigung mit diesem Thema nur mehr "erahnen".

    Die östlichen (und manche westlichen) Advaita-Lehrer beschreiben das Ganze manchmal so, als wenn man eine Illusion durchschaut (die Illusion, ein separates, von der Welt unabhängiges Ich zu besitzen) oder als wenn man von einem Traum (den Traum des Ich, mit seinen "ich will, ich brauche, ich sollte"-Spielchen) aufwacht. Darum sprechen manche Lehrer auch lieber vom "Aufwachen" als von der (missverständlich-inflationären) "Erleuchtung".

    Der Aspekt "den Boden unter den Füßen zu verlieren" sowie die Ohnmacht, die Steiner beschreibt, ist sehr ähnlich im Advaita.

    Wenn man vollständig im gegenwärtigen Moment ist, im Jetzt (dem einzigen, was wirklich ist) - dann sind da Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle, die kommen und gehen, auch Willensimpulse, denen man folgen kann oder auch nicht. All dieses erscheint in einem Raum, eine Art Bewusstseinsfeld. Das Ich, oder auch "meine Geschichte" kommt immer erst später (auch wenn man meint, dass es "bereits irgendwie da ist") zusätzlich, als Idee, wenn ich den Mut habe, mich ganz in das Jetzt fallen zu lassen, ist es eigentlich nicht da. So erlebe ich es, manchmal.

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  2. Die Sache mit dem Ich ist für mich wirklich total geheimnisvoll. Einerseits wird doch in der Anthroposophie das ICH als das Allerheiligste hochgehalten, das im Gegensatz zum Buddhismus gerade nicht im All-Einen sich auflöst. In diesem Zitat oben scheint es aber anders.
    Die Advaita-Leute sagen ja, dass man nach dem „Aufwachen“ sein wahres Wesen erkennt, das aber kein Objekt und kein Subjekt sei, sondern sich in einem „Raum der Nicht-Dualität“ befindet. Manche von ihnen sagen aber auch, man erkenne dann (durch das Aufwachen), dass das Ich gar nicht existiere (so versteh ich Rupert Spira). Aber wer erkennt dann?? Wer oder was wacht auf??
    Das einzige, was bei den „Advaitisten“ ja wohl bleibt, ist die „Awareness“ also das Gewahrsein, als solches. Die Aufmerksamkeit, die sich selbst zum Inhalt hat.
    Ist sie dasselbe wie das ICH bei Steiner?
    Hingabe- und Todesbereitschaft kennt man ja auch aus dem Christentum. Das ist die Sache mit dem Kamel und dem Nadelöhr. Das Kamel muss sich selbst halt draußen lassen.

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  3. "Die Aufmerksamkeit, die sich selbst zum Inhalt hat.
    Ist sie dasselbe wie das ICH bei Steiner?"

    Ich glaube nicht. Das Ganze ist u.a. deshalb auch schwer zu vergleichen, weil "Ich, Ego, Mind, Seele, usw" bei den Advaita Lehrern häufig etwas anderes bedeutet als bei Steiner (auch vom englischsprachigen Hintergrund her).

    Das "Ich" welches von den Advaita-Lehrern überwunden werden soll, ist das oben von mir beschiebene "Ich will, ich brauche, ich sollte" oder auch die innere Instanz der Kontrolle: Das Ich kontrolliert, ohne dass es das weiß, alles und jedes (vor allem sich selbst) um sich gegen "die Welt" und das bedrohlich Andere zu behaupten. Im Sinne des Advaita kann man das bei sich beobachten und damit üben, die Mechanismen bei sich entdecken, usw.

    Das Ich als "Allerheiligstes" gibt es da natürlich nicht. Das wäre dann eine Idee (Von Steiner natürlich u.a. inspiriert durch die Phil. des deutschen Idealismus, nicht so sehr von den eher psychologichen Alltags-Erfahrungen eines Spira oder Tolle)

    Was erfährt man denn da genau?

    Übrigends hat sogar Kühlewind einmal den, wie er (sinngemäß) sagte, etwas statischen Ich-Begriff der Anthrop. kritisiert, er meinte, es wäre ein Mißverständnis, wenn man "das Ich" als Substantiv sehen will (etwas was man "hat") - das Ich sollte ein Verb sein, was man nicht "hat" (irgendwo im Hintergrund einer "geistigen Welt") sondern was nur in einer Bewegung (in der Hingabe, oder im Loslassen) existiert.

    "Aber wer erkennt dann?? Wer oder was wacht auf??"

    Wenn ich (manchmal) "sehr weit komme" in meiner Übung, erlebe ich es so, dass da ein Raum ist, Stille. Wenn ich mich in diese Stille hineinfallen lasse, ohne dass ich es herbeiführen will, wenn ich vollständig aufgebe und loslasse, dehnt sie sich soweit aus, dass da nichts anderes mehr ist: Eben nur Stille, keiner, der denkt oder wahrnimmt oder beobachtet "Oh, da ist Stille". Lässt sich schwer beschreiben, ein Grenzbereich der Erfahrung und der Sprache.

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  4. Lieber Rainer,
    natürlich ist die Sprache von Steiner eine andere als die der Advaita-Leute. Aber auch in der Anthroposophie gibt es ja das „niedere Ich“ also, dass was du beschreibst, was überwunden werden soll ("Ich will, ich brauche, ich sollte") und das höhere Ich - das Allerheiligste, das eigentlich Unbenennbare, mit Sprache Unbeschreibbare. Dies wiederum - frage ich mich - könnte man vielleicht auch als Stille, Raum, Aufmerksamkeit als solche... bezeichnen. Und dann hätten wir eine Identität. Natürlich keine sprachliche, aber es geht ja auch um das Wesen des Schwellenerlebnisses.
    Das Schwellenerlebnis ist ja doch wohl - etwas platt gesagt - bei Christian Meyer-SchülerInnen kein anderes als bei AnthroposophInnen.

    In der Anthroposophie geht es darum, das ICH zu stärken, zu pflegen, (durch Übungen, Schulung, Meditationen, Studieren…) um es dann an der Schwelle wieder komplett loszulassen - siehe oben. Beim Advaita dagegen ist es andersrum: Lasse alles los (Gangaji sagt "Stop", Tolle sagt "Jetzt"), dann bist du jenseits der Schwelle.
    Vielleicht ist der Vorgang als solcher aber identisch - das war mein Gedanke.

    Kühlewinds Einwand verstehe ich nicht ganz, denn Steiner hat, glaube ich, das ICH nie irgendwie statisch definiert (vielleicht ja aber die Anthroposophen, das weiß ich nicht). Übrigens in der Geheimwissenschaft bezeichnet er es einmal als "Quelle" und mal als "Gewahrwerden".

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  5. Liebe Ruth,

    ja, das wird wahrscheinlich gehen, dass das "höhere Ich" auch als Stille, Raum, Aufmerksamkeit bezeichnet wird, Kühlewind hat das manchmal ganz direkt oder auch so ähnlich gesagt, dass Steiner das ICH als Quelle und Gewahrwerden darstellt, wusste ich bisher nicht.

    "Das Schwellenerlebnis ist ja doch wohl - etwas platt gesagt - bei Christian Meyer-SchülerInnen kein anderes als bei AnthroposophInnen"

    Das ist eine interessante Frage: Ich weiß es aber nicht, ob es so ist. Es gibt eben wahrscheinlich keine/n der/die Schwellenerlebnisse in beiden Richtungen erfahren hat, die Schilderungen der aufgewachten Schüler in CMs letzten Buch hören sich ja erst einmal anders an, als das, was entsprechend in der Anthroposophie berichtet wird (Wo z.B.relativ häufig Begegnungen mit Wesenheiten die Schwellenerlebnisse begleiten).

    Das wäre eine interessante und lohnenswerte Zukunftsaufgabe, das unterschiedliche und das gemeinsame der beiden Wege herauszuarbeiten.

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  6. "Mit dem Gewahrwerden eines Dauernden, Bleibenden im Wechsel der inneren Erlebnisse beginnt das Aufdämmern eines "Ichgefühls"... Und vorher: "Nicht das Bleibende als solches wird hier als "Ich" bezeichnet, sondern dasjenige, welches dieses Bleibende erlebt." S. 61.

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  7. Anna-Katharina Dehmelt2. November 2014 um 23:50

    Das Thema ist wirklich spannend. Eine große Frage finde ich zum Beispiel auch, wie sich die Erfahrung, die vom Loslassen ausgeht, verhält zu der, die von einer Verstärkung der Ich- bzw. Aufmerksamkeitskräfte ausgeht. Ich habe den Eindruck, dass erstere eher quasi nach hinten führt, zu einem Ursprung und Urgrund hin, während die zweite wie nach vorne, in eine Verwandlung hinein führt. Wobei ich nicht eines als 'besser' verstanden wissen möchte.

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  8. Vielleicht besteht das Verhältnis auch darin, dass man das Ich so lange zu stärken hat, bis es Kraft genug entwickelt hat, loszulassen. Das Loslassen und das von Steiner oben erwähnte Ohnmachtsgefühl zu ertragen ist ja wohl doch auch eine Mutfrage. Wenn man das Zitat ernst nimmt geht es ja - modern ausgedrückt - um die komplette Preisgabe der eigenen Identität, die sich über die Jahrzehnte gebildet hat. Die Seele "muß sich sagen können, was dir bisher als deine stärkste Wahrheit zu gelten hatte, das muß nun jenseits der Schwelle zur übersinnlichen Welt dir als der stärkste Irrtum erscheinen können." Frage: Das gilt dann auch für "anthroposophische Wahrheiten"?!

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  9. Eben bei C.Meyer entdeckt, das passt ganz gut zu den letzten beiden Kommentaren hier:

    "Die Gefühle loslassen bedeutet, nichts mit ihnen zu tun. Die Gedanken loslassen bedeutet, sie nicht zu glauben und ihnen keine Beachtung mehr zu schenken. Den Körper loslassen bedeutet, alles, was du spürst, zu spüren und nichts damit zu tun" ("Aufwachen im 21 Jahrhundert" S. 63)

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  10. Anna-Katharina Dehmelt7. November 2014 um 12:48

    Ja - das gilt dann auch für 'anthroposophische Wahrheiten'! Denn die geistige Welt zeigt sich ja dann doch ganz anders, als man sie sich aufgrund der aufgenommenen Wahrheiten vorgestellt hat, oder nicht?
    Und bei dem Zitat von C.Meyer fällt mir auf, dass Steiner dieses Loslassen zwar immer wieder schildert (wie in dem Zitat oben zum Beispiel) - aber eben als Schwellensituation (und nicht als Selbstzweck). Und das, was 'nach' der Schwellensituation entsteht (oder 'in' ihr, indem das geleerte Bewusstsein schauend wird), das hat Steiner eben auch sehr und vielleicht vor allem interessiert und das prägt dann auch die Schilderungen der Schwellensituation.

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  11. Ja, das stimmt. Das ist wohl ein entscheidender Unterschied zwischen dem "anthroposophischen Schauen" und dem "Aufwachen". Wie Steiner es beschreibt, geht "hinter" der Schwelle ja eine neue Welt auf (Imaginationen, Wesen erscheinen). die Advaita-Leute bleiben in einem Raum der Stille, der Awareness (es erscheint ihnen gerade nichts mehr).
    Aber, ist das nicht seltsam?
    Erlebt man auch hinter der Schwelle nur das, was man eben sehen kann? Ist das so individuell?

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  12. Die Schilderung des Loslassens bei C.Meyer ist für mich nicht unbedingt "Selbstzweck" - vielmehr die Darstellung, diesen eher unbestimmten, manchmal etwas vagen und spirituell inflationären Begriff des "Loslassens" in eine konkrete, zu erfahrende Lebenswirklichkeit zu überführen. Damit kann ich ganz persönlich arbeiten.

    Schilderungen "über die Schwelle" sind interessant, aber von dem, was ich (wahrscheinlich auch "man") erleben kann, unendlich weit entfernt.

    Zu einem Bekannten sprach ich einmal über den (besser: über einen) Unterschied von Anthroposophie und Advaita: Anthroposophie beschreibt vielmehr den 3.,4. oder 5. Schritt (Begegnungen mit Wesenheiten, usw.), der 1. und 2. Schritt: sich vollständig in die Gegenwart, in den Körper und den Atem hinein entspannen, das Gefühl vollständig anzunehmen, anstatt "etwas erlangen zu wollen" - das wird nach meiner Beobachtung in der Anthroposophie leicht übergangen.

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  13. Wenn ich etwas suche (einen "höheren" Bewusstseinszustand) oder wenn ich mir Gedanken/Vorstellungen bilde, wie dieser höhere Zustand jenseits einer (von mir vorgestellten, durch Bücher dargestellten) sog. "Schwelle" aussehen könnte, übersehe ich meinen unbewussten Widerstand gegen das was ist, gegen diese Erfahrung, gegen das Jetzt (das einzige, was wirklich ist).

    Dieses Jetzt in seinem einfachen Sein ist nicht mir genug, es ist unvollständig: Gefühle und Gedanken tauchen auf, verschwinden wieder, die Empfindung des Sitzens auf dem Stuhl, der Atem, Geräusche, die Bewegungen in meinem Körper - alles taucht ohne mein Zutun auf und gibt sich mir, schenkt sich mir. Ich sehe es nicht. Es interessiert mich nicht. Es ist nicht genug. Ich will etwas höheres, eine höhere Welt, vielleicht bin ich dann, irgendwann einmal, später, ganz vollständig, ganz ich selbst.

    "Immer sucht ihr mehr und mehr, hört niemals auf und lasst euch niemals auf eure gegenwärtige Erfahrung ein, ohne sie zu bewerten...wenn wir uns auf die Übung der inneren Erforschung einlassen, dann sehen wir, dass die Aktivität der Suche eigentlich die Quelle unseres Schmerzes und unseres Leidens ist" (A.H.Almaas, "Das wirkliche Leben beginnt jetzt")

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