Samstag, 21. November 2009

Das Richtige aus Eigenem finden?


"Nicht darauf kommt es an, dass ich etwas anderes meine als der andere, sondern darauf, dass der andere, das Richtige aus Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage."
Das Gefühl Recht zu haben und Recht behalten zu wollen, kennt jeder. Jemanden zu überzeugen oder mit "schlagenden" Argumenten zu bedenken, gibt eine gewisse Befriedigung. Unsere ganze Kultur, die gesamte politische Sphäre ist davon aufs Peinlichste geprägt. Sie hat einen Kampfcharakter. 
Mir ist der Gedanke - obgleich zuerst sehr ungewohnt - ausgesprochen sympatisch und angenehm, andere nicht überreden, überzeugen, in mein Boot zerren zu müssen. Diese Haltung kann Gespräche so herrlich entspannen und lockern. Es fördert die Gelassenheit, wenn man sich sagt: "Ich sollte meinen Gesprächspartner gar nicht ändern WOLLEN".
Den zweiten Teil des Steinerschen Satzes finde ich etwas brisant. Es kann doch wohl nicht gemeint sein, dass A sich strategisch Dinge überlegt, die er beitragen kann um B dazu zu bringen etwas "Richtiges aus Eigenem" zu finden, das A schon kennt und nur herauskitzeln möchte !? Das geht vielleicht bei Kindern. Aber im Bezug auf Erwachsene wäre diese Haltung doch  pädagogisch und damit unstatthaft!? Welche Art des eigenen Beitragens kann gemeint sein? Doch wohl nur die, dass ich durch mein ehrliches, authentisches Sein in irgendeiner Schicht auf den anderen wirke?! 

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Montag, 16. November 2009

Das einzig zuverlässige Mittel für Wellenberuhigung!

Unter dem Label "Was man in Büchern alles so findet" heute eine ausnehmend skurile Erfindung aus dem Jahre 1894. Oder war es vielleicht schon damals ein verspäteter Aprilscherz? Der Text:

"Werther Herr!
Beifolgend überreichen wir Ihnen einen Auszug aus der kürzlich erschienen Schrift
"DIE LEHRE VON DER WELLENBERUHIGUNG"
von Dr. M.M. RICHTER,
indem wir voraussetzen, dass der Inhalt Sie in hohem Grade interessiren wird.
Dem genannten Chemiker ist es nach vielen Versuchen und eingehendem Studium gelungen, das Princip der Wellenberuhigung aufzufinden. Durch die Entdeckung dieses Naturgeheimnisses ist er dann zu der Erfindung des Wellenöls gelangt, die seinem verdienstvollen Wirken erst die grosse praktische Bedeutung verleiht.
Das von Dr. M.M. Richter erfundene Wellenöl wird von uns genau nach seiner Vorschrift hergestellt und entspricht demnach allen Erfordernissen eines unbedingt zuverlässigen, jederzeit und überall sofort wirksamen Rettungsmittels für Schiffe gegen Sturzwellen und Brechseen.
Wir sind in der Lage
DR. RICHTERS PATENT-WELLENOEL
ab hier netto zu Mark 1,50 p. Kilo in Kannen á 10 Kilo zu liefern und fordern Sie auf, sich durch Versuch und Vergleich davon zu überzeugen, dass es
das einzige zuverlässige Mittel für Wellenberuhigung
ist, dass es daher zum Schutze von Schiff, Mannschaft und Ladung fortan nicht zu entbehren ist."
Rückseitig die genaue Handlungsanweisung:
"Die Anwendung des Wellenöls geschieht entweder 1) unter Benutzung der bisherigen Oelbeutel aus Segelleinen, gefüllt mit Twist, Werg etc.
oder 2) mittelst des bewährten Dr. Richter´schen Zuckerverfahrens; man lässt faustgrosse Zuckerstücke, die mit Wellenöl durchtränkt sind, in einem Netz von etwas 1/2 cm Maschenweite schifflängs an einem Tau im Wasser mitschleifen. Hat das Schiff schwere See von vorne, so werden die mit Wellenöl durchtränkten Zuckerstücke mit Hülfe eines Katapults voraufgeschossen.
Besonders zu erwähnen ist noch, dass Dr. Richters Patent-Wellenöl wegen seiner blitzschnellen Ausbreitung auf dem Wasser schon bei Verwendung ganz geringer Quanitäten vollauf seinen Zweck erfüllt; es stellt sich infolge dieses sparsamen Verbrauchs auch

bedeutend billiger, als das billigste sonst existirende Oel.
Wir erwarten Ihre Nachrichten gern und zeichnen
Mit Hochachtung..."

Mittwoch, 11. November 2009

Hamburger Arbeitstag zum Thema "Anthroposophie, Pseudospiritualität und Nationalsozialismus" mit Arfst Wagner, Andreas Bracher und Peter Tradowsky

Im Steiner Haus Hamburg fand am 7.11.09 eine Tagung zum Thema Anthroposophie und Nationalsozialismus statt. Hier seien kurz nur einige Gedanken der Vorträge wiedergegeben:

Die zwei Beiträge von Arfst Wagner zeigten anschaulich und bestürzend eine unglaublich umfangreiche Liste von „Anthroposophen“, die teilweise in den Nationalsozialismus verstrickt waren oder sich sogar tief mit ihm verbunden hatten.
Angeführt seien hier nur Heinz Pfeiffer, der Verfasser des immer noch viel gelesenen Buches „Brüder des Schattens“, der - so Wagner - Verbindungen zu geheimen SS-Netzwerken pflegte, oder auch Werner Georg Haverbeck. Haverbeck wage in seinem Buch „Rudolf Steiner – Anwalt für Deutschland“ die unglaubliche These, dass Steiner und Hitler zwei historische Gestalten EINER Bewegung gewesen seien, der eine esoterisch wirkend, der andere exoterisch.
Wagner berichtete aber auch von merkwürdigen „zufälligen“ Parallelen. So gibt es ein Buch des anthroposophischen Autors Roman Bos und eines von Josef Goebbels mit dem gleich lautenden Titel  „Michael“. Berichtet wurde beispielsweise auch von kruden verzerrten Reinkarnationsideen Himmlers, der offenbar der Ansicht war, die leibliche Grundlage des Judentums müsse vernichtet werden, da sie für weitere Reinkarnationsfolgen nicht tauge.
Die Forschungen Wagners ergaben ihm als ein Ergebnis, der Nazismus sei eine Art negatives Spiegelbild, ein diabolisches Schattengebilde der Anthroposophie.
Sehr einleuchtend erscheint mir auch seine Aufforderung an die Menschen, die mit Forschungen zu diesem Thema befasst sind, verstärkt zusammenzuarbeiten, auch wenn sie aus verschiedenen Richtungen kämen. Das Thema sei so komplex und differenziert, dass Einzelbemühungen heute einfach keine befriedigenden Ergebnisse erzielen können.
Auf der Seite des Lohengrin-Verlages von Arfst Wagner findet man Ausführlicheres zu diesem Thema:
http://www.lohengrin-verlag.de/artikel/nsinterview.htm
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Andreas Bracher charakterisiert Steiners Verhältnis zum Judentum in drei Schritten:
Erstens war Steiner grundsätzlich gegen nationalistische Ausgrenzungsprinzipien und damit gegen die Separation des Judentums. Am besten seien viele Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, um das nicht mehr zeitgemäße Blutprinzip der Generationenfolge einer Ethnie als Grundlage für geschlossene Gemeinschaften oder Nationen auszuhebeln. (Übrigens spielt ja auch in Steiners Dreigliederung die ethnische Zugehörigkeit der Menschen keine Rolle bei der politischen Gestaltung der Sozialordnung – ganz anders als bei den Nazis.)
Was Steiner zweitens am Judentum stark würdigte, war seine historische Bedeutung als Volk, das die leibliche Grundlage für die Inkarnation des Christus über Jahrtausende vorbereitete und zur Verfügung stellte und das außerdem das ichhafte hirngebundene Denken als Bedingung der Freiheit ermöglichte. Ohne all dies hätte die Anthroposophie heute keine Grundlage.
Drittens pflegte Steiner viele intensive und freundschaftliche Beziehungen zu Juden (hier sei nur erinnert an: Carl Unger, Walter Johannes Stein, Adolf Arenson, Ludwig Thieben...)
Kein Wunder also, dass die Nazis Steiner sofort als Feind ausmachten und die Anthroposophie auszumerzen versuchten. Dies äußerte sich beispielsweise in dem bekannten Anschlag auf Rudolf Steiner 1922.
Bracher las einiges aus einem Arikel des Völkischen Beobachter vor, das ich hier nur in Teilen (und zwar in den moderateren Teilen) wiedergeben möchte: "Herr Steiner will mit seiner Lehre praktisch das Gleiche, was alle Feinde unserer staatlichen und völkischen Selbständigkeit anstreben. Nur nennt er es anders. Unter dem Namen "Anthroposophie" und "Dreigliederung" geht er seinen dunklen Geschäften nach, Millionen stehen ihm zur Verfügung, unser Volk mit seinen Lehren zu verseuchen, und durch seinen Einfluss auf weiteste Kreise ist er zu einer Gefahr für unsere Gegenwart und Zukunft geworden. Herr Steiner mag seine Giftdrüse im Ausland verspritzen, von mir aus in Dornach bei Basel, wo er sich einen Tempel hinsetzte, mit dem er den Namen unseres Goethe schändete..." (Zitiert nach "Johannes Tautz: Der Eingriff des Widersachers")
Aber auch die militärischen Eliten der Weimarer Republik unterwanderten Steiners Bemühungen und Impulse. Beispielsweise sollte mit Hilfe der Veröffentlichung der Memoiren Helmuth von Moltkes durch Steiner gezeigt werden, dass bei Ausbruch des ersten Weltkrieges die militärische Führung völlig kopflos und ohne Strategie agierte und von Welteroberungs-Ideen weit entfernt war. Es sollte gezeigt werden, dass der Versailler Kriegsschuldparagraph nicht gerechtfertigt sei, um die schweren Reparationen und die Ächtung und Isolierung Deutschland zu mildern. Diese Veröffentlichung wurde von der Obersten Heeresleitung unterlaufen, um ihr eigenes Ansehen nicht zu gefährden. Und die Ächtung und Isolierung Deutschlands wurde von den Nazis gern politisch-propagandistisch genutzt und mündete in die uns bekannten Katastrophen.
Es tobte ein Kampf um „die Seele Deutschlands“: Auf der einen Seite der Dreigliederungsimpuls, also der Versuch das Geistesleben aus der Umklammerung von Politik und Wirtschaft zu befreien, um eine zukunftsfähige Sozialordnung zu errichten. Auf der anderen Seite Hitlers totalitärer Einheitsstaat. Die Nazis siegten. Ab 1922 konnte Rudolf Steiner keine öffentlichen Vorträge mehr in Deutschland halten. Die Anthroposophie war verdrängt und konnte – so Bracher – bis heute nicht mehr wirklich auf eine  wünschenswerte Weise in Deutschland Fuß fassen.
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Peter Tradowsky spannte auf der Tagung den historischen Bogen am weitesten.
Er zeigte beispielsweise auf, dass man Kaspar Hauser sehen könne als einen guten Geist des deutschen Volkes, mit seinen merkurial-ausgleichenden Kräften, seiner unschuldigen Seele und seinem herzlichen Wesen. Um ein Gefühl zu bekommen, für das, was Rudolf Steiner „deutscher Volksgeist“ nennt, müsse man des weiteren natürlich die deutsche Klassik hinzuziehen. Während der wilhelminischen Zeit habe sich nun aber gerade eine fundamentale Abkehr der Deutschen von ihrem Volksgeist vollzogen. Erst diese Abkehr machte den Nationalsozialismus und seine Gräuel möglich. Schon im Hinblick auf den 1. Weltkrieg wäre es nötig gewesen, dass die militärisch Verantwortlichen – in Übereinstimmung mit dem Volksgeist und unter vernünftiger Berücksichtigung der technischen Gegebenheiten -  eine militärische Auseinandersetzung unter allen Umständen vermieden hätten. In der Idee der sozialen Dreigliederung habe sich das trinitarische Prinzip des Michaelischen gespiegelt und verwirklichen wollen. Eine solche „soziale Trinität“ die im Einklang mit dem Volksgeist steht, war der größte Gegenspieler des Nationalsozialismus und dies hatte Hitler erkannt. Steiner wird 1925 vom physischen Plan verdrängt und stirbt einen Monat nach der Neugründung der NSDAP.
Von Seiten des Rudolf Steiner Hauses ist geplant dies Thema weiter zu bearbeiten, vielleicht wird schon in einem halben Jahr diese Tagungsarbeit fortgesetzt - eine sehr gute Idee.

Montag, 2. November 2009

Artikel 8 zur "Philosophie der Freiheit"

Das 3. Kapitel "Das Denken im Dienste der Weltauffassung" beginnt mit dem berühmten Billard-Beispiel: Im Vorhinein kann über die Bewegungen der Billardkugeln nach erfolgtem Stoß nur etwas ausgesagt werden, wenn ich mir dazu Begriffe bilde, beispielsweise über die Mechanik, die Geschwindigkeit usw. Der Vorgang selbst vollzieht sich ohne mein Zutun und allein die Beobachtung des Vorgangs bringt noch keine Erkenntnis. Das denkende Durchdringen des Vorgangs wird von mir dem Beobachtungsinhalt als ein Zweites hinzugefügt. Es ist vollständig von mir abhängig. Theoretisch kann ich aber auch auf alles Begriffesuchen verzichten, wenn ich kein Bedürfnis danach habe.
Aber: Trotzdem fühlen wir uns geradezu gezwungen, den gegebenen Gegenständen in unserem Bewusstsein Begriffe und Begriffsverbindungen hinzuzufügen. Wir können feststellen, dass uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren Begriffe mitgegeben werden - beide Bereiche sind zunächst strikt getrennt. Was bringt uns also das Denken?
Was wir durch den Denkvorgang erhalten ist der Zusammenhang des Beobachteten mit anderen Vorgängen und Gegenständen.
Die substanziellen Grundsäulen unseres Geistes sind demnach Beobachtung und Denken. Sie sind Basis jeder geistigen Bemühung, sei sie alltäglich oder anspruchsvoll-philosophisch.
Jeder Philosoph muss daher zugeben, dass die Beschäftigung mit seinen Urprinzipien, beispielsweise Idee und Wille, die Betätigung des Denkens bereits voraussetzt, dies also als "noch ursprünglicher" angesehen werden muss.
Beobachtungsgegenstände sind nicht nur Sinneswahrnehmungen, sondern auch Empfindungen, Anschauungen, Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und Halluzinationen. Wohlgemerkt, auch Begriffe und Ideen tauchen für uns auf dem Beobachtungsfeld auf! Die Beobachtung geht dem Denken voraus. Das Denken kann also zum Beobachtungsobjekt werden.

Und noch einmal:
In der Rudolf Steiner Buchhandlung in Hamburg findet jeden Dienstag um 19.30 ein Arbeitskreis zur „Philosophie der Freiheit“ statt, der von Steffen Hartmann eingeleitet und moderiert wird.
"Die Philosophie der Freiheit" und natürlich jedes lieferbare Buch kann in der Rudolf Steiner Buchhandlung Hamburg unkompliziert bestellt werden und wird zugeschickt!


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