Mittwoch, 11. November 2009

Hamburger Arbeitstag zum Thema "Anthroposophie, Pseudospiritualität und Nationalsozialismus" mit Arfst Wagner, Andreas Bracher und Peter Tradowsky

Im Steiner Haus Hamburg fand am 7.11.09 eine Tagung zum Thema Anthroposophie und Nationalsozialismus statt. Hier seien kurz nur einige Gedanken der Vorträge wiedergegeben:

Die zwei Beiträge von Arfst Wagner zeigten anschaulich und bestürzend eine unglaublich umfangreiche Liste von „Anthroposophen“, die teilweise in den Nationalsozialismus verstrickt waren oder sich sogar tief mit ihm verbunden hatten.
Angeführt seien hier nur Heinz Pfeiffer, der Verfasser des immer noch viel gelesenen Buches „Brüder des Schattens“, der - so Wagner - Verbindungen zu geheimen SS-Netzwerken pflegte, oder auch Werner Georg Haverbeck. Haverbeck wage in seinem Buch „Rudolf Steiner – Anwalt für Deutschland“ die unglaubliche These, dass Steiner und Hitler zwei historische Gestalten EINER Bewegung gewesen seien, der eine esoterisch wirkend, der andere exoterisch.
Wagner berichtete aber auch von merkwürdigen „zufälligen“ Parallelen. So gibt es ein Buch des anthroposophischen Autors Roman Bos und eines von Josef Goebbels mit dem gleich lautenden Titel  „Michael“. Berichtet wurde beispielsweise auch von kruden verzerrten Reinkarnationsideen Himmlers, der offenbar der Ansicht war, die leibliche Grundlage des Judentums müsse vernichtet werden, da sie für weitere Reinkarnationsfolgen nicht tauge.
Die Forschungen Wagners ergaben ihm als ein Ergebnis, der Nazismus sei eine Art negatives Spiegelbild, ein diabolisches Schattengebilde der Anthroposophie.
Sehr einleuchtend erscheint mir auch seine Aufforderung an die Menschen, die mit Forschungen zu diesem Thema befasst sind, verstärkt zusammenzuarbeiten, auch wenn sie aus verschiedenen Richtungen kämen. Das Thema sei so komplex und differenziert, dass Einzelbemühungen heute einfach keine befriedigenden Ergebnisse erzielen können.
Auf der Seite des Lohengrin-Verlages von Arfst Wagner findet man Ausführlicheres zu diesem Thema:
http://www.lohengrin-verlag.de/artikel/nsinterview.htm
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Andreas Bracher charakterisiert Steiners Verhältnis zum Judentum in drei Schritten:
Erstens war Steiner grundsätzlich gegen nationalistische Ausgrenzungsprinzipien und damit gegen die Separation des Judentums. Am besten seien viele Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, um das nicht mehr zeitgemäße Blutprinzip der Generationenfolge einer Ethnie als Grundlage für geschlossene Gemeinschaften oder Nationen auszuhebeln. (Übrigens spielt ja auch in Steiners Dreigliederung die ethnische Zugehörigkeit der Menschen keine Rolle bei der politischen Gestaltung der Sozialordnung – ganz anders als bei den Nazis.)
Was Steiner zweitens am Judentum stark würdigte, war seine historische Bedeutung als Volk, das die leibliche Grundlage für die Inkarnation des Christus über Jahrtausende vorbereitete und zur Verfügung stellte und das außerdem das ichhafte hirngebundene Denken als Bedingung der Freiheit ermöglichte. Ohne all dies hätte die Anthroposophie heute keine Grundlage.
Drittens pflegte Steiner viele intensive und freundschaftliche Beziehungen zu Juden (hier sei nur erinnert an: Carl Unger, Walter Johannes Stein, Adolf Arenson, Ludwig Thieben...)
Kein Wunder also, dass die Nazis Steiner sofort als Feind ausmachten und die Anthroposophie auszumerzen versuchten. Dies äußerte sich beispielsweise in dem bekannten Anschlag auf Rudolf Steiner 1922.
Bracher las einiges aus einem Arikel des Völkischen Beobachter vor, das ich hier nur in Teilen (und zwar in den moderateren Teilen) wiedergeben möchte: "Herr Steiner will mit seiner Lehre praktisch das Gleiche, was alle Feinde unserer staatlichen und völkischen Selbständigkeit anstreben. Nur nennt er es anders. Unter dem Namen "Anthroposophie" und "Dreigliederung" geht er seinen dunklen Geschäften nach, Millionen stehen ihm zur Verfügung, unser Volk mit seinen Lehren zu verseuchen, und durch seinen Einfluss auf weiteste Kreise ist er zu einer Gefahr für unsere Gegenwart und Zukunft geworden. Herr Steiner mag seine Giftdrüse im Ausland verspritzen, von mir aus in Dornach bei Basel, wo er sich einen Tempel hinsetzte, mit dem er den Namen unseres Goethe schändete..." (Zitiert nach "Johannes Tautz: Der Eingriff des Widersachers")
Aber auch die militärischen Eliten der Weimarer Republik unterwanderten Steiners Bemühungen und Impulse. Beispielsweise sollte mit Hilfe der Veröffentlichung der Memoiren Helmuth von Moltkes durch Steiner gezeigt werden, dass bei Ausbruch des ersten Weltkrieges die militärische Führung völlig kopflos und ohne Strategie agierte und von Welteroberungs-Ideen weit entfernt war. Es sollte gezeigt werden, dass der Versailler Kriegsschuldparagraph nicht gerechtfertigt sei, um die schweren Reparationen und die Ächtung und Isolierung Deutschland zu mildern. Diese Veröffentlichung wurde von der Obersten Heeresleitung unterlaufen, um ihr eigenes Ansehen nicht zu gefährden. Und die Ächtung und Isolierung Deutschlands wurde von den Nazis gern politisch-propagandistisch genutzt und mündete in die uns bekannten Katastrophen.
Es tobte ein Kampf um „die Seele Deutschlands“: Auf der einen Seite der Dreigliederungsimpuls, also der Versuch das Geistesleben aus der Umklammerung von Politik und Wirtschaft zu befreien, um eine zukunftsfähige Sozialordnung zu errichten. Auf der anderen Seite Hitlers totalitärer Einheitsstaat. Die Nazis siegten. Ab 1922 konnte Rudolf Steiner keine öffentlichen Vorträge mehr in Deutschland halten. Die Anthroposophie war verdrängt und konnte – so Bracher – bis heute nicht mehr wirklich auf eine  wünschenswerte Weise in Deutschland Fuß fassen.
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Peter Tradowsky spannte auf der Tagung den historischen Bogen am weitesten.
Er zeigte beispielsweise auf, dass man Kaspar Hauser sehen könne als einen guten Geist des deutschen Volkes, mit seinen merkurial-ausgleichenden Kräften, seiner unschuldigen Seele und seinem herzlichen Wesen. Um ein Gefühl zu bekommen, für das, was Rudolf Steiner „deutscher Volksgeist“ nennt, müsse man des weiteren natürlich die deutsche Klassik hinzuziehen. Während der wilhelminischen Zeit habe sich nun aber gerade eine fundamentale Abkehr der Deutschen von ihrem Volksgeist vollzogen. Erst diese Abkehr machte den Nationalsozialismus und seine Gräuel möglich. Schon im Hinblick auf den 1. Weltkrieg wäre es nötig gewesen, dass die militärisch Verantwortlichen – in Übereinstimmung mit dem Volksgeist und unter vernünftiger Berücksichtigung der technischen Gegebenheiten -  eine militärische Auseinandersetzung unter allen Umständen vermieden hätten. In der Idee der sozialen Dreigliederung habe sich das trinitarische Prinzip des Michaelischen gespiegelt und verwirklichen wollen. Eine solche „soziale Trinität“ die im Einklang mit dem Volksgeist steht, war der größte Gegenspieler des Nationalsozialismus und dies hatte Hitler erkannt. Steiner wird 1925 vom physischen Plan verdrängt und stirbt einen Monat nach der Neugründung der NSDAP.
Von Seiten des Rudolf Steiner Hauses ist geplant dies Thema weiter zu bearbeiten, vielleicht wird schon in einem halben Jahr diese Tagungsarbeit fortgesetzt - eine sehr gute Idee.